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Stadt (58 - Frühjahr 2014)

Die Welt blüht in Marzahn

Mehr als 600 000 Menschen haben im vergangenen Jahr die Gärten der Welt besucht. Die Schauspielerin und Yogalehrerin Ursula Karven konnte auch 2014 wieder als Botschafterin gewonnen werden. „Ich bin ein großer Fan von grünen Lungen in großen Städten. Das sind die Dinge, die Berlin viel mehr braucht“, so Karven auf der Pressekonferenz zu Beginn des Jahres. Seit dem Jahr 2000 wird unter der Leitung der Grün Berlin Park und Garten GmbH ein in Europa einzigartiges Konzept verwirklicht. Die Gärten der Welt sind Teil des 21 Hektar großen Erholungsparks Marzahn. Im Laufe der Jahre sind sie zu einem international beachteten Anziehungspunkt geworden. Als erste deutsche Parkanlage wurden die Gärten der Welt vor einigen Jahren mit dem britischen Green Flag Award ausgezeichnet. Bewertet hat man sowohl das Gartendesign, die Pflege und Sauberkeit der Parkanlagen als auch die Öffentlichkeitsarbeit und touristische Ausstrahlung. Die Grüne Fahne weht seither weit sichtbar vor den Eingangstoren. Angefangen hatte alles vor knapp 15 Jahren mit dem Garten des wiedergewonnenen Mondes nach einem Plan des Pekinger Instituts für klassische Gartenarchitektur. Facharbeiter aus Peking waren eigens angereist, um mit original chinesischen Materialien zu bauen. In unzähligen Seecontainern wurden Hölzer, Steine, Skulpturen und Möbel antransportiert. Heute ist der Chinesische Garten in Berlin der größte Europas. 

Sie sind eine blühende Oase im Ostberliner Hochhausmeer, und sie sind viel mehr. Die Gärten der Welt in Marzahn sind eine echte Berliner Erfolgsgeschichte.

Später kamen andere Gärten der Welt hinzu, der Japanische Garten im Zen-Stil, der Balinesische Garten und der Seouler Garten. Die Gärten der Welt zeigen ganz bewusst Gartenbaukunst aus verschiedenen Erdteilen, die eben auch die unterschiedlichen Kulturkreise mit den zugehörigen Religionen repräsentiert. Aufsehen erregt auch der Orientalische Garten. Als geschlossener Gartenhof mit seinen Rosenbeeten und den Wasserspielen im Zentrum soll er das Paradies symbolisieren. 2008 wurde der Karl-Foerster-Staudengarten als vorbildliches Beispiel moderner deutscher Gartenkunst neu gestaltet. Ein Highlight ist auch der Italienische

Renaissancegarten. Von einer großen Terrasse aus fällt der Blick auf geo-metrische Blumenbeete, Zitronen---bäumchen, akkurat geschnittene Hecken und Marmorskulpturen. 

In einem anderen Areal können Besucher auf verschlungenen Pfaden einem Labyrinth folgen oder sich in einem Irrgarten verlaufen. Gerade für Familien ein Spaß.

Seit drei Jahren hat der Christliche Garten als nunmehr jüngster Garten innerhalb der Gärten der Welt seine Pforten geöffnet. Der Kreuzgang ist das zentrale Motiv der Anlage. Er wurde modern interpretiert und arbeitet unter anderem mit biblischen Texten, die in goldfarbene Metallgitter eingearbeitet sind. Die Besucher laufen wie durch einen Laubengang buchstäblich durch das Alte und Neue Testament hindurch. Der Gang umschließt einen tiefer gelegenen Innenhof. In der Mitte steht ein Wasserstein als Symbol für die Quelle des Lebens. 

Stillstand gibt es in den Gärten der Welt nicht. Derzeit im Bau befindet sich der Englische Garten. „Er ist der bislang zehnte Themengarten und wird ein Highlight auf dem Weg zur IGA sein“, sagt Parkmanagerin Beate Reuber. 2017 wird auf dem angrenzenden Gelände die Internationale Gartenausstellung stattfinden. 

In einem Wettbewerb setzte sich der Entwurf von geskes.hack Landschaftsarchitekten und VIC Brücken und Ingenieurbau gegenüber 25 weiteren Mitbewerbern durch. Die Vorbereitungen auf dem Gelände laufen bereits. Derzeit wird vermessen.

Ein Investor für die geplante Seilbahn, mit Station auf dem Kienberg, ist gefunden. Hier oben entsteht auch
die futuristische Aussichtsplattform „Wolkenhain“.   

Karen Schröder

 

Anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft Berlin-Peking ist China in diesem Jahr das offizielle Partnerland der Gärten der Welt. Berlinerinnen und Berliner konnten sich als Botschafter bewerben. Die Gärten der Welt bieten im ersten Halbjahr 2014 ein reichhaltiges Veranstaltungsprogramm:

10.5.2014 Lotuslaternenfest im Koreanischen Garten
25.5.2014 Mazda IGA Lauf über fünf und zehn Kilometer
22.6.2014 Klang-Farben-Fest im christlichen Garten

Gärten der Welt in Berlin Marzahn-Hellersdorf, Eisenacher Str. 99, 12685 Berlin

Öffnungszeiten in den Frühlings- und Sommermonaten:
9 bis 20 Uhr, manche Themengärten öffnen wochentags allerdings erst ab 12 Uhr

 

58 - Frühjahr 2014
Stadt, Natur

Energieforschung auf dem Campus

Mit dem Projekt „Energiestrategie Berlin Adlershof 2020“ demonstriert der Wissenschaftsstandort Zukunftstechnologien für energieeffizientes Wohnen und Arbeiten in städtischen Entwicklungsgebieten.

Das Forum Adlershof ist immer ein guter Ausgangspunkt für einen Rundgang im Adlershofer Wissenschafts- und Technologiepark, im „Silicon Valley Berlins“, um dann, den Blicken der beiden Skulpturenköpfe folgend, auf Entdeckungstour zu gehen. Denn mit ihnen verbinden sich vor allem Ideen, die hier in den Laboren und Institutsgebäuden in Pilotprojekte umgesetzt und vor Ort tatsächlich zu besichtigen sind. So ist Berlin Adlershof auch ein idealer Vorzeigestandort für weitreichende Zukunftstechnologien, wie jetzt auch wieder für das von der Bundesregierung geförderte Projekt „Energiestrategie Berlin Adlershof 2020“. „Wir wollen in Berlin Adlershof zeigen, dass ein modernes Wissenschafts- und Technologiequartier energieeffizient betrieben werden kann!“, so Hardy Rudolf Schmitz, der Geschäftsführer der Betreibergesellschaft WISTA-Management GmbH. Das Projekt sieht vor, den Energiebedarf im gesamten Adlershofer Entwicklungsgebiet bis 2020 um 30 Prozent zu senken. Dass der Wissenschaftsstandort bereits auf einen guten Weg dahin ist, beweist seine herausragende Stellung im Rahmen der Initiative „Forschung für die energieeffiziente Stadt“ (EnEff:Stadt) des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, die Kommunen anregen will, eigene Projekte zur Steigerung der Energieeffizienz in Angriff zu nehmen. 

Know-how für die Stadt der Zukunft

Das Projekt „Energiestrategie Berlin Adlershof 2020“ ist eines der Leuchtturmprojekte der EnEff:Stadt-Initiative und Teilprojekt mit einer Laufzeit bis 2016 in einem Gesamtkonzept zur energieefizienten Weiterentwicklung des Wissenschaftsquartiers bis 2020.

In Adlershof forschen bereits rund 50 Firmen auf dem Gebiet moderner Energietechnologien. Und die Ansiedlung am Standort geht weiter. Erst Ende vergangenen Jahres ist das neugebaute Zentrum für Photovoltaik und Erneuerbare Energien (ZPV) in der Johann-Hittorf-Str. 8 eröffnet worden. Darin haben sich bereits fünf innovative Firmen angesiedelt. Die Firma Graforce Hydro beispielsweise hat ein neues Verfahren zur Wasserstofferzeugung und -speicherung entwickelt, das im Vergleich zur herkömmlichen Wasserstofferzeugung aus Überschussstrom um ein Vielfaches effizienter ist als die marktübliche Elektrolyse. Die Forschungsthemen der Adlershofer „Energiefirmen“ erstrecken sich über alle derzeit energierelevanten Bereiche und betreffen neue Speichersysteme und erneuerbare Energien genauso, wie die zukünftige Energieversorgung in der Stadt oder die Gebäudeeffizienz. Das Institut für Physik, nicht weit vom Forum entfernt in der Newtonstraße 15, forscht auf den Gebieten dezentrale Regenwasserbewirtschaftung, Fassadenbegrünung und passive Gebäudekühlung. Eine neue Art der Gebäudeklimatisierung benutzt Regenwasser zur Kühlung des Gebäudes in den Sommermonaten und ist so effektiv, dass noch bei Außentemperaturen von bis zu 30°C die Zuluft auf 21 bis 22°C vorgekühlt werden kann, ohne auf technisch erzeugte Kälte zurückgreifen zu müssen.

In der Albert-Einstein-Straße 15 hat sich das renommierte Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie (HZB) angesiedelt. Mit 30 Gigawattstunden pro Jahr benötigt es ein Drittel des Gesamtstrombedarfs des Projektgebietes und ist somit der größte Energieverbraucher in Adlershof. Für dessen zukünftige Energieversorgung soll ein Blockheizkraftwerk installiert werden, als Beispiel für effektive Erzeugung von Strom und Wärme im eigenen Gebäude. Ein ganzes zukünftiges Wohngebiet energetisch zu versorgen, hat sich die Blockheizkraftwerks-Träger- und Betreibergesellschaft mbH Berlin (BTB) mit Sitz in der Albert-Einstein-Straße 22 vorgenommen. So soll das angrenzende 16 Hektar große Areal ein neuartiges einspeiseoffenes, flexibles und „demokratisches“ Wärmeverbundsystem erhalten. Damit wird es Vorzeigeprojekt für eine heterogene Wohnanlage mit kleinteiligen Baukörpern. Mit völlig CO2-freier und zudem erneuerbarer Energieerzeugung beschäftigt sich derzeit die Firma Younicos, mit Sitz Am Studio 16. Für die Integration von Wind- und Sonnenenergie in bestehende Energieanlagen entwickelt die Firma erneuerbare Energiesysteme. Das bislang bekannteste Projekt von Younicos ist der Aufbau des weltweit ersten erneuerbaren Energiesystems mit 100 Prozent Wind- und Sonnenstrom auf Graciosa, der zweitkleinsten Azoren-Insel. Am gleichen Standort residierte bis April dieses Jahres in Adlershof die Firma Solon, die vom indisch-arabischen Unternehmen Microsol übernommen wurde. Sie produziert hochwertige Solarmodule und ist Anbieter von solarer Systemtechnik, bis hin zu schlüsselfertigen Solarkraftwerken weltweit. Mit ihrem ehemaligen Hauptsitz in Adlershof hatte sich die Firma selbst ein Gebäude mit modernster Energietechnik geschaffen, vom Blockheizkraftwerk im „Keller“ bis zur Photovoltaikanlage auf dem Dach. Es verbraucht nur ein Viertel der Energie eines vergleichbaren Gebäudes und kann als Prototyp für energieeffiziente Gewerbebauten gelten.

In der Solartechnik spielen auch neue Speichertechnologien zukünftig eine bedeutende Rolle. So hat Younicos beispielsweise für andere Firmen sogenannte E-Shuttles entwickelt. Von diesen „mobilen Steckdosen“ können deren Mitarbeiter an ihren Schreibtisch-Arbeitsplätzen Solarstrom beziehen, auch wenn die Stromerzeugung durch Sonneneinstrahlung schon Stunden zurückliegt. Das bedeutet: Stromerzeugung und Stromnutzung sind entkoppelt. 

Von derartigen Kooperationen auf dem Forschungscampus zu profitieren, war und ist für viele Firmen ein wichtiger Grund, ihren Sitz auf das Adlershofer Forschungsgelände zu verlegen. Das gilt besonders auch für die Energiefirmen. Mit der „Energiestrategie Berlin Adlershof 2020“ entwickeln sie hier auf dem Campus übergreifende Pilotprojekte, die für den Aufbau moderner, energieeffizienter Energieanlagen in städtischen Siedlungsgebieten unverzichtbares Know-how demonstrieren.

Neuer Wohnraum entsteht – Das Projekt „Wohnen am Campus“ im Wissenschaftspark Adlershof vereint sehr unterschiedliche Bauprojekte 

Das Wohnungsneubau-Quartier zwischen dem Campus der Humboldt-Universität und dem Natur- und Landschaftspark Johannisthal weist durch das Nebeneinander von städtischen Reihenhäusern, Stadtvillen und Mehrfamilienhäusern, mit Miet- und Eigentumswohnungen sowie Baugruppenprojekten einen ganz eigenen Charakter auf. Das ist zwar so noch nicht in Gänze sichtbar, doch die einzelnen Projekte lassen keinen Zweifel daran. Der Baukonzern NCC beispielsweise will bis Ende 2015 an der Newtonstraße insgesamt 52 Townhouses errichtet haben, Stadthäuser mit vier Etagen, Garagen und Dachterrassen. Demnächst ist auch Baubeginn für die Bayerische Baywobau. Ihr Bauprojekt mit dem Namen „Isaac Newton Park“, südlich an der Wilhelm-Hoff-Straße sowie im Westen an der Newtonstraße gelegen, besteht aus vier Gebäuden, die sich um einen gemeinschaftlichen Innenhof gruppieren. Dieser soll eine Art kommunikativer Treffpunkt des Quartiers werden, selbstverständlich autofrei, parkähnlich mit Sitzplatz- und Spielplatzbereichen gestaltet. Die meisten der Wohnungen bekommen Balkone oder Terrassen. Nach der Erschließung des neuen Wohngebiets und dem Verkauf der landeseigenen Grundstücke an Investoren und Baugruppen stieg die Nachfrage schnell, sodass der größte Teil der 14 Hektar großen Fläche vermarktet ist. Inzwischen gehören auch landeseigene Wohnungsbaugesellschaften, wie die Degewo, und Wohngenossenschaften zu den Investoren. Für die Studentendorf Adlershof GmbH war Anfang dieses Jahres Richtfest im zukünftigen Studentendorf. Zum Wintersemester 2014 sollen die Zimmer und Apartments bezugsfertig sein. 

Mit der Umsetzung des Projekts „Tetris“ ist der Integrator Berlin GmbH auf dem Gelände ein architektonisch besonders interessantes Wohngebäude gelungen. Die Entwurfsidee ist dem legendären Spiele-Klassiker entlehnt und verbindet sogenannte „Wohnungsbausteine“ zu dem sechsgeschossigen, 120 Meter langen Gebäude mit insgesamt 70 Wohneinheiten. Die im Erdgeschoss gelegenen Wohnungen haben über Eingangsterrassen einen direkten Zugang zum Garten. Ansonsten prägt ein Wohnungsmix das ungewöhnliche Wohnhaus: Ob Gartenwohnung, Maisonette- oder eingeschossige, barrierefreie Wohnung, jede hat entweder einen großen Garten, eine Loggia oder eine Dachterrasse. In den oberen Geschossen verbinden Laubengänge mit eingebauten Sitzmöbeln die beiden Treppenhäuser und sollen so „kommunikativen Bedürfnissen“ dienen. Eine energetische Besonderheit ist eine neuartige, innovative Lüftungsanlage mit verbesserter Wärmerückgewinnung im Winter und Regenwasserkühlung im Sommer, ein Modellprojekt zur Energieeffizienz im Rahmen des EnEff-Stadt-Programms. Insgesamt hat der Investor 20 Millionen Euro in „Tetris“ investiert. Die 60 Wohnungen sind ausschließlich als Mietwohnungen geplant. Baubeginn war bereits 2013.

Speziell für die Mitarbeiter auf dem Forschungscampus, die sehr flexibel arbeiten und deshalb „Wohnen auf Zeit“ bevorzugen, errichtet die Helm-Gruppe mit Adapt Apartments in zwei Bauabschnitten sechs viergeschossige Häuser mit komplett eingerichteten Apartments. Damit will der Investor dem „unkonventionellen Arbeitsleben“ auf dem Campus entgegenkommen, „einen Ort mit Privatsphäre direkt am Arbeitsplatz zur Verfügung stellen“. Das Prinzip: Es wird nur bezahlt, was in Anspruch genommen wird. Es wird erwartet, dass sich mit zunehmendem Baufortschritt noch weitere potenzielle Investoren und Bauträger am Projekt „Wohnen am Campus“ beteiligen. Für anhaltendes Bauinteresse werden vor allem die Mitarbeiter auf dem Forschungsgelände sorgen, für die Arbeiten und Wohnen in unmittelbarer Nähe erstrebenswert ist. 

R. W.

 
58 - Frühjahr 2014
Stadt

Wasserstadt de luxe – Von der Lippenstiftfabrik zum Wohnhaus

Auf der Halbinsel Stralau, wo die Wasserstadt gebaut wird, gibt es jetzt auch ein bewohntes Hochhaus. Ein Hochhaus in Stralau und nicht am Alex? Nun, es ist nicht gerade ein Wolkenkratzer, der ins Auge sticht, aber es überragt die Gebäude der Alt-Stralauer Straßen um einiges. Das merkt man spätestens, wenn man selber das Haus betritt und ins oberste, elfte Stockwerk fährt, wo es eine Penthousewohnung zu besichtigen gibt. 

In 35 Meter Höhe kann ihr künftiger Käufer (sie ist noch zu haben) auf dem Balkon frühstücken und in den Treptower Hafen blicken oder wahlweise auf die Frühstückstische anderer Nachbarn am Spreeufer. Die Berliner Traufhöhe hat man hier oben längst überschritten, und die Ganzglasgeländer, gelinde gesagt, verstärken den Eindruck, tatsächlich hoch in den Lüften zu sein. Eine Herausforderung für Akrophobiker.

Der Architekt des Gebäudes, Jens Suhren, fühlt sich hier oben wohl. Er schwärmt von den Balkonen, die bis zu 30 Quadratmeter groß sind, während der starke Spreewind seinen Worten die ein oder andere Silbe entreißt. Frühstückseier von morgen sind wohl besser anzuketten. Suhren hat das Hochhaus nicht neu erschaffen, sondern ab 2009 vier Jahre lang umgebaut. Als er das damals zu 80 Prozent leer stehende Bürogebäude erstmals betrat, war er begeistert von den hohen Räumen. Die Decken in den heutigen Wohnungen sind über drei Meter hoch, so gleicht das Raumgefühl dem einer Altbauwohnung. Nur kommt ein Panorama hinzu, das sich gewaschen hat: Frankfurter Tor, Treptowers, Oberbaumbrücke – die ganze Berliner Innenstadt hängt den Bewohnern des „Spreegold“, so heißt das Haus, vor den Fenstern. Man blickt sogar bis zum Teufelsberg im Grune-wald oder zur Zionskirche auf dem Prenzlauer Berg. Doch niemand muss für diese Aussicht nach ganz oben ziehen. „Schon ab der vierten, fünften Etage blickt man über die Dächer der Nachbarhäuser“, sagt Suhren. Noch eine Besonderheit: Die Berlin-Blicke sind in mehrere Richtungen möglich, da die Grundrisse über Eck liegen, denn das Gebäude ist aus vier Hochhausscheiben zusammengesetzt. Wer will, macht das Panorama also zum Programm: morgens Berliner Fernsehturm, abends die Stralauer Dorfkirche. 

Der neue Gebäudename spielt auf den alten an. Das DDR-Bürohaus, das von 1983 bis zur Wende von einem Kosmetikbetrieb genutzt wurde, war wegen seiner bronzierten Fassade als „Goldenes Haus“ bekannt. Architekt Suhren nahm das Thema beim Umbau auf, doch auch heute ist nicht alles Gold, was glänzt: Es sei eine metallisierende Farbe, sagt er, die verwendet wurde. So schimmert das weiße Wohnhochhaus auch heute wieder im Licht der Sonne ein wenig golden, ein bisschen warm, weil die gold-gemalerten Balkondecken ganz dezent die Fassaden betönen. Knalliger geht es unten im Foyer zu: „vergoldete“ Wände, wohin das Auge sieht. Nimmt man das Haus von der Straße aus noch als bescheiden wahr, wird  drinnen nicht gekleckert, sondern ganz schön geklotzt. Und so empfängt und verabschiedet ein uniformierter Concierge die Bewohner, die sich auch beim Schwitzen in der gemeinschaftlichen Sauna dem metallisierenden Material nicht entziehen können. Aber wer will das schon? „Spreegold“ ist ein Luxus-Projekt, das den Käufern der 116 Eigentumswohnungen ein Privatleben auf Fußbodenheizung, Trittschalldämmung und Massivholzparkett offeriert, wobei die Wohnungsgrößen mit 68 bis 135 Quadratmeter recht moderat ausfallen. Nur die zehn Penthouse-Wohnungen sind bis zu 216 Quadratmeter groß. 

Suhren, auf Baudenkmale spezialisiert, sieht zum Fenster raus. „Eigentlich hatten wir uns um den Flaschenturm bemüht“, sagt der Architekt, der in der Wasserstadt schon seit Ende der 90er Jahre aktiv ist. Letztlich bekam er es nicht mit der benachbarten ehemaligen Engelhardt-Brauerei zu tun, zu der der Flaschenturm gehört, sondern mit der ausgedienten Architektur der Lippenstiftfabrik, die den Wasserstadt-Planern ein Dorn im Auge gewesen sei. Inspiriert haben den Architekten dann nicht nur die Raumhöhen und der Ausblick: Suhren erkannte die Flexibilität, die das „Goldene Haus“ als Stahlbetonskelettbau besitzt, ersetzte die komplette Vorhangfassade, baute auf die vormals acht Geschosse drei komplett neue oben drauf, musste dafür aber das Fundament verstärken: Mit großen Spritzen, sagt Suhren, hätten die Bauarbeiter den Beton in den Baugrund injiziert. Die einzige Schwierigkeit war das nicht. Fragt man ihn heute, was das Herausfordernde an „Spreegold“ war, nennt er drei Dinge: „Es war ein Bestandsgebäude, ein Hochhaus, und es waren moderne Wohnungen gefragt.“ So leicht verdaulich das nach dem Slogan des berühmten Überraschungseis klingt – für den Architekten war die Mixtur „sehr, sehr aufwendig, aber lohnenswert“. Bei Hochhäusern gelten höhere Brandschutzauflagen, und für das glamouröse geräumige Foyer, das zwei Stockwerke umfasst, musste Suhren den alten Erdgeschoss-Sockel des Bürohauses rausreißen. 

Am Ende hat er aus dem „Dorn“ der Wasserstadt ein respektables Haus gemacht und Alt-Stralau eine schlichte Krone aufgesetzt. Zehn Gärten hat er im ersten Obergeschoss auf dem nach außen erweiterten, herausgezogenen Sockel angelegt, und da zwei von den drei neuen Etagen, nämlich die zehnte und elfte, zurückgesetzte Staffelgeschosse sind, gibt es Dachgärten auch dort oben, wo der Wind weht. Über die Balkone sagt Suhren, es seien eigentlich Loggien. Von massiven vertikalen Pfeilern getragen, fühlt sich die Loggia wie sicherer Wohnraum an. Menschen mit Höhenangst kommt das entgegen.

„Spreegold“, das im Foyer mehr wie ein Hotel als ein Wohnhaus wirkt, ist ein Projekt der Streletzki Gruppe, die in das „Goldene Haus“ rund 40 Millionen Euro investiert hat. Ihr gehört auch das Hotel Estrel in Neukölln, das um ein 170 Meter hohes Gebäude (ein wahrer Wolkenkratzer, der höchste in Berlin) bald bereichert werden soll. So ist es mit dem knalligen Flair im Umfeld des „Spreegold“-Concierge nicht verwunderlich, wenn Geschäftsführer Julian Streletzki offen zugibt: „Das Haus haben wir mit den Augen eines Hoteliers errichtet.“ De Luxe ist das Konzept. 

André Franke

 

58 - Frühjahr 2014
Stadt

Neue Kaufkultur am Zoo – Einzug ins Bikinihaus

Das neu eröffnete Bikinihaus ist kein typisches Einkaufszentrum. Die nach 39 Monaten Bauzeit revitalisierte Fünfziger-Jahre-Architektur wird mit einer „Concept Mall“ bespielt: Die Geschäfte, einzelne Modemarken und gastronomische Einrichtungen sind sorgfältig ausgewählt worden und aufeinander abgestimmt. Der Investor von Bikini Berlin, die Bayerische Hausbau, spricht von Weitblick und Maßarbeit statt Masse. Kein Einerlei und Mainstream, ein minimalistisches Design und betont zurückhaltendes Interieur sollen dem Besucher Raum zum Flanieren und Schauen geben. Einkaufen nach dem Motto „Shop different“, so auch eine Dachterrasse zum Spazieren groß wie ein Fußballfeld mit Ausblick in den Zoologischen Garten. Behagliche Sitzplätze und bisweilen skurrile Details signalisieren stressfreies Einkaufen – wenn der Ort drum­herum stimmt. Bemerkenswert ist der Marktplatz mit zwanzig festen Pop-Up Stores in Form von Holz-Boxen, welche temporär angemietet werden können. Den Auftakt machen u. a. junge Designmarken und kleine Geschäfte aus Berlins Szenebezirken.

 

 

58 - Frühjahr 2014
Stadt