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Stadt (45 - Winter 2010/11)

Liebeserklärung am Herd

Tim Raue als Küchenchef und seine Frau Marie-Anne sind Inhaber des Berliner Restaurants „Tim Raue“. Nur zwei Monate nach Eröffnung hat der Guide Michelin den ersten Stern vergeben und es zugleich als Hoffnungsträger für einen zweiten Stern nominiert. Die Köstlichkeiten, die der Sternekoch seinen Gästen serviert, sind eine Liebeserklärung an Asien.

Kann man sagen, dass Japan Ihre zweite kulinarische Heimat ist?
Tim Raue: Japan ist seit meinem ersten Besuch 2008 kulinarisch einer meiner drei Grundpfeiler: Die japanische
Küche konzentriert sich stets auf ein Hauptprodukt und vermeidet jegliche Entfernung von diesem. Aromatisch und auch handwerklich. Man würde in Japan nie auf die Idee kommen, auf einem Teller viererlei vom Rind mit dreierlei von der Roten Bete zu servieren. Es geht um einen direkten und klaren Eindruck, und das entspricht meinem Wesen als Typ: Ich bin geradeaus und sehr präsent. So sollen auch meine Gerichte schmecken.

Was macht die japanische Küche für Sie aus? Gibt es eine Produktbibel?
Tim Raue: Die japanische Küche ist –wie das Land selbst – geprägt von Ritualen und Zeremonien. Ein Fisch wird nicht einfach zerlegt, er wird nach jahrhundertealten Riten mit präzisen, genau geplanten Schnitten geschnitten. Jedes Stück Obst, jedes Gemüse wird nur geerntet, wenn es perfekt gereift ist. Das Produkt soll dem Konsumenten so angeboten werden, dass es direkt verzehrfertig ist, im perfekten Frische- bzw. Reifezustand.

Sie verzichten u.a. auf Beilagen wie Nudeln, Brot oder Reis. Ist Reis in der japanischen Küche nicht unverzichtbar?
Tim Raue: Ja, für einige Gerichte ist das so. Ich koche allerdings nicht japanisch, sondern bin von dieser Küche inspiriert. Bei den Chinesen essen nur arme Menschen Reis, um satt zu werden.

Was kann man dem deutschen Gast überhaupt nicht vorsetzen?
Tim Raue: Leider fehlt manchmal eine würzende Komponente, oftmals steht die Konsistenz über dem Geschmack.

Welchen Anteil hat die Ästhetik an der japanischen Küche ?
Tim Raue: Sie ist sehr wichtig, die Klarheit, die dort auf den Tellern herrscht, ist für mich elementar. In der Küche achten wir sehr auf das Schneiden der Zutaten. Die Japaner sagen, dass man mit dem Schnitt einer Zutat den Geschmack prägt. Scheiben von Karotten sind süßer als Stifte von der gleichen Möhre.

Nun ist die asiatische Küche sehr vielfältig. Jedes Land hat seine eigenen Stärken.
Tim Raue: Meine Küche ist eine Verbindung aus thailändischer Aromatik, japanischem Purismus und chinesischer Philosophie. Ich mache mir das zu eigen, was mir entspricht.

Was bleibt von der deutschen (europäischen) Küche, wenn Sie ein Gericht komponieren? Was ist unverzichtbar und unschlagbar?
Tim Raue: Nichts! Nur das Anrichten ist „western-style“, wie die Chinesen sagen. Das heißt, wenn man das ganze Gericht für einen Gast auf einem Teller serviert.

Wie würden Sie einem blinden Genießer beschreiben, was ihn im Laufe eines schönen Abends bei Ihnen erwartet?
Tim Raue: Genießer erwarten bei mir Gerichte voller Aromatik, die immer wieder intensiv sind. Sie sind geprägt von Säure, am Gaumen piekender Schärfe und von Früchten stammender Süße, die wieder Harmonie erzeugt. Dazu pflanzliche, bittere Aromaten, die für Erfrischung sorgen.

Inge Ahrens

Informationen

Restaurant Tim Raue
Rudi-Dutschke-Straße 26
10969 Berlin
Tel.: 030/259 37 930
www.tim-raue.com
Di bis Sa 12-14 und 19-22 Uhr

 

45 - Winter 2010/11

Licht für alle - Festival of Lights Berlin 2010

Das Brandenburger Tor strahlt rot, grün, blau. Der Alex ist in Pink getaucht. Der Hauptbahnhof zeigt sich bunt flankiert. Überall in der Stadt wilde Muster, schrille Farben.

Jedes Jahr im Spätherbst verwandelt das Festival of Lights Berlin in ein schillerndes und glitzerndes Lichtermeer.
Für zwei Wochen wurden über 60 wichtige Gebäude und viele Sehenswürdigkeiten illuminiert.

[Fotos: Berlin vis-à-vis]


Information
Das nächste Lichtfestival „Berlin illuminiert“ findet vom 12. bis 23. Oktober 2011 statt.
 

45 - Winter 2010/11
Stadt

Die Wiege der Avantgarde

Vor 100 Jahren wurde in Berlin „Der Sturm“ gegründet

Der Name war Programm. Ein Sturm sollte durch die Kunstszene wehen und der Avantgarde mit Macht zum Durchbruch verhelfen. Der im Kaiserreich vorherrschende Geschmack würde hinweggefegt werden, und wo, wenn nicht in der jungen aufstrebenden deutschen Hauptstadt konnte das möglich sein. Hauptinitiator war der aus einer jüdischen Arztfamilie stammende Herwarth Walden, der ursprünglich als Pianist und Komponist hervorgetreten und mit der Dichterin Else Lasker-Schüler verheiratet war.
In ihrer gemeinsamen Wohnung in der Katharinenstraße in Wilmersdorf wurde „Der Sturm“ im Frühjahr 1910 ins Leben gerufen. Anfänglich handelte es sich nur um eine Zeitschrift, die wöchentlich, später vierzehntäglich erschien. Zusammen mit der „Aktion“ von Franz Pfemfert war „Der Sturm“ das Sprachrohr der expressionistischen Künstlergeneration. Er kam auf eine beachtliche Auflage von bis zu 30 000 Exemplaren. Nach dem Willen seiner Gründer sollte er kulturell eine reinigende vitale Kraft entfalten. Freundschaft wurde zelebriert. Man gab sich pluralistisch und international. Als der 32-jährige Walden seine wegweisende Zeitschrift herausgab, war er im Kunstbetrieb bereits gut vernetzt, kannte Künstler der verschiedenen Gattungen und hatte Erfahrungen mit Zeitschriftenprojekten gesammelt. Zu den literarischen Mitarbeitern zählten unter anderem Alfred Döblin, Anatole France, Karl Kraus und natürlich Else Lasker-Schüler. Der Maler Oskar Kokoschka drückte dem Vorhaben von Beginn an seinen künstlerischen Stempel auf. In jeder Nummer des ersten Jahrgangs war er mit Grafiken vertreten. 1912 wurde das Futuristische Manifest im Sturm publiziert. Filippo Tommaso Marinetti fordert im ersten Paragraphen: „Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die Vertrautheit mit Energie und Verwegenheit.“
Kurze Zeit später fand in Waldens neu gegründeter „Sturm-Galerie“ in der Tiergartenstraße 34a die erste Futurismus-Ausstellung in Deutschland statt. Marinetti soll aus diesem Anlass im offenen Wagen durch die Leipziger Straße gefahren sein, Flugblätter geworfen und gerufen haben: „Es lebe der Futurismus.“
Europäische Bedeutung erlangte die Galerie durch den Ersten Deutschen Herbstsalon 1913. Er gilt als deutschlandweit größte Ausstellung avantgardistischer Kunst vor dem Ersten Weltkrieg. Die Maler der Gruppe des Blauen Reiter bildeten den Hauptteil der Exposition. August Macke und Franz Marc nahmen die Hängung vor. Aus Frankreich waren bedeutende Werke Henri Rousseaus, Fernand Légers und Robert Delaunays zu sehen. In der Presse indes schlug der Ausstellung erbitterter Hass entgegen. Robert Breuer bezeichnete im Vorwärts die Künstler gar als „Hottentotten im Oberhemd, eine Horde farbenspritzender Brüllaffen“.
Interessanterweise erlebte Der Sturm während des Ersten Weltkriegs keinerlei Einbruch, ganz im Gegenteil. Er entwickelte sich zum vielgestaltigen Kunst-Unternehmen, dem Walden immer wieder neue Betätigungsfelder erschloss. So kamen 1916/17 eine Sturm-Kunstschule sowie eine Sturm-Bühne hinzu. Innovative Ideen vom „Bühnenkunstwerk“ wurden hier gelehrt und umgesetzt.
Obwohl mehrere seiner Mitstreiter im Krieg fielen, verhielt sich der Sturm-Gründer Walden politisch bewusst zurückhaltend. Die Kunst war ihm alles.
Nach dem Ersten Weltkrieg sank der Stern des Sturm. Die avantgardistische Kunst hatte sich endgültig durchgesetzt und bedurfte nicht mehr eines engagierten Fürsprechers. Der Sturm seinerseits war Geschichte geworden. 1926 verkaufte Herwarth Walden sein Archiv an die damalige Preußische Staatsbibliothek zu Berlin, wo es sich noch heute befindet. Herwarth Walden selbst emigrierte kurz vor der Machtübernahme Hitlers in die Sowjetunion und kam 1941 in einem stalinistischen Gefängnis um.

Karen Schröder

45 - Winter 2010/11
Stadt

Leiser Erfolg

Als der italienische Architekt Franco Stella vor zwei Jahren mit viel Aufsehen den Wettbewerb für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses für sich entschied, war er nahezu unbekannt. Kürzlich stellte er in Berlin sein Buch vor, in dem er Einblick in seine Gedankenwelt und sein Werk gewährt.

Berlin-Mitte, Kronprinzenpalais. Der Verlag hat zur Buchpräsentation von „Franco Stella – Ausgewählte Schriften und Entwürfe“ geladen. Kurz vor Beginn der Veranstaltung betritt ein unscheinbarer Herr ganz allein den Vorraum des Palais. Würde er nicht vom Verlagschef begrüßt, käme man nicht auf die Idee, dass es sich um die Hauptperson der Veranstaltung handeln könnte. Doch zunächst zieht sich Franco Stella kurz zurück, um sich eine Krawatte umzubinden – die Fotografen wollen ihre Bilder haben, was der Architekt sichtlich ohne große Begeisterung über sich ergehen lässt.
Franco Stella bedient nicht das Klischee des schwarz gekleideten, rhetorisch gewandten und selbstbewussten Star-Architekten. Der Italiener ist ein sehr bedächtiger Mann, der gutes Deutsch spricht, das aber so leise, dass im Lauf der Pressekonferenz die Journalisten immer näher an ihn heranrücken, um ihn wenigstens einigermaßen zu verstehen. Denn verstehen wollen sie ihn und erfahren: Wer ist dieser Franco Stella, der vor zwei Jahren so überraschend ins Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit trat?
Als im November 2008 – übrigens ebenfalls im Kronprinzenpalais – der damalige Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee das Ergebnis des Wettbewerbs für das Humboldt-Forum auf der Spreeinsel bekanntgab, war das Erstaunen groß: Kaum jemand hatte zuvor den Namen von Franco (offiziell Francesco) Stella gehört – und jetzt sollte dieser Unbekannte plötzlich das prestigeträchtigste, mit einem Investitionsvolumen von über einer halben Milliarde Euro verbundene Neubauvorhaben in der Stadtmitte verantworten?! Entsprechend kritisch waren die Fragen, die in der Folge aufgeworfen wurden: Ist der Italiener mit seinem kleinen Büro in der Lage, die große Aufgabe zu meistern? Hat er überhaupt die formalen Voraussetzungen für die Teilnahme am Wettbewerb erfüllt? Und was sind eigentlich seine architektonischen Grundüberzeugungen?
Jetzt gibt ein zweibändiges, vom Berliner Verlag DOM publishers herausgegebenes Werk zumindest ansatzweise Auskunft über den Werdegang des Architekten. 1943 in Thiene in der Provinz Vicenza geboren – dass der Verlag in seinem Katalog das Geburtsjahr auf 1968 verlegt, spricht nicht für editorische Sorgfalt – studierte er in Venedig Architektur. 1972 gründete er sein Büro in Vicenza, und seit 1990 lehrt er als Professor für Architektonisches Entwerfen an der Universität Genua. Seit langem befasst er sich auch mit Deutschland; so saß er in der ersten Hälfte der neunziger Jahre in den Jurys der beiden wichtigen städtebaulichen Wettbewerbe für den Spreebogen und die Spreeinsel.
Stellas eigenes architektonisches Werk ist indes schmal, wie der erste Band der jetzt erschienenen Monografie zeigt (der zweite Band enthält einen umfangreichen Essay des Architekturtheoretikers Peter Stephan).
Einige Schulen in Norditalien, ein Bürogebäude in Thiene, die Erweiterung der Messehallen in Padua und ein Wohnhaus in Potsdam-Kirchsteigfeld gehören dazu. Selbst ein kleines Projekt wie ein Bücherzimmer in einem nicht näher bezeichneten Privathaus findet Erwähnung. Hinzu kommen nicht realisierte Wettbewerbsentwürfe – auch solche für Berlin: In den neunziger Jahren beteiligte sich Stella am städtebaulichen Wettbewerb für den neuen Stadtteil Biesdorf-Süd, später dann am Wettbewerb für die neue Bibliothek der Humboldt-Universität in Mitte.
Doch was treibt ihn dabei an? Das „Weiterbauen mit zeitgenössischen Mitteln“ sei der Kern von Stellas Schaffen, sagt Martin Kieren, Professor für Baugeschichte und Architekturtheorie an der Beuth-Hochschule für Technik Berlin, der den italienischen Architekten seit 25 Jahren kennt. „Stella“, sagt Kieren, „beruft sich explizit auf Traditionslinien, ohne indes auf eine Kopie zu verfallen.“ Wenig Aufschluss über die Motive des Architekten bieten dagegen die drei im Buch abgedruckten, relativ kurzen Texte, die – auch wegen der ungelenken und teilweise grammatikalisch fehlerhaften Übersetzung – nur von Liebhabern äußerst trockener Architekturtheorie-Kost zu goutieren sind. Deutlich wird immerhin, wie intensiv sich Stella mit der Architekturtradition auseinandersetzt. Dies manifestiert sich auch im Entwurf für das Humboldt-Forum: „Das Neue“, heißt es dazu im Buch, „ist als Weiterbau eines alten Gebäudes gedacht.“
Wie es mit dem Bau des Humboldt-Forums weitergeht, bleibt dagegen unsicher. Immer wieder macht das Projekt negative Schlagzeilen. Zunächst gab 2009 das Bundeskartellamt einer Klage gegen die Vergabe der Planungsleistungen statt. Diese wurden nicht allein an Stella vergeben, sondern an eine Gemeinschaft, an der auch die beiden mit Großprojekten erfahrenen Büros von Gerkan, Marg und Partner (gmp) sowie Hilmer & Sattler und Albrecht beteiligt sind. Dann kam in diesem Jahr der nächste Schlag, als die Bundesregierung verkündete, den Baubeginn für das Humboldt-Forum aus Spargründen auf das Jahr 2014 zu verschieben.
Trotzdem arbeitet Stella unverdrossen an der Planung für das Vorhaben, das ohne Zweifel die Krönung seiner architektonischen Laufbahn bedeuten würde. Etwa fünfzig Personen sind nach seinen Worten derzeit für das Projekt tätig. 2011 will er die Ausführungsplanung angehen, so dass „vielleicht“ trotzdem schon 2013 Baubeginn sein könnte. Und wie schätzt er die Chancen ein, dass das Humboldt-Forum letztlich tatsächlich gebaut wird? Da lächelt Stella schüchtern und murmelt: „Das ist ein Thema für Philosophen.“
Franco Stella bleibt, der jetzt erschienenen Monografie zum Trotz, letztlich ein Rätsel.

Paul Munzinger

Informationen

  • Franco Stella. Ausgewählte Schriften und Entwürfe, Franco Stella/Peter Stephan,
    ISBN 978-3-938666-64-7
    Erschienen bei DOM publishers
    www.dom-publishers.com
    48 Euro
45 - Winter 2010/11

Berlin Glamour - Die Ballsaison ist eröffnet

Glamour und Tradition – zwei Dinge, die man mit dieser Stadt nicht auf den ersten Blick verbindet – werden eben doch die Berliner Gesellschaft in den nächsten Wochen angenehm beschäftigen. Der Ballsaal ist Ort des Mondänen, des Glanzes schöner Frauen in raschelnder Seide, charmanter Herren und perlenden Champagners. Die glamouröse Seite Berlins, das ist die, die schnell mal zu kurz kommt, doch jetzt ist Saison. Auf Bällen möchte man sehen und gesehen werden und dabei oft auch noch großzügig Gutes tun. Man kennt sich, man trifft sich und amüsiert sich aufs Feinste eine ganze lange Nacht lang in bester Gesellschaft mit Prominenz aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Medien und Sport.
Der 112. Presseball Berlin, der 1872 erstmalig stattfand, wird dieses Jahr erstmals im Axel Springer Verlagshaus, den überdachten Passagen und der Ullstein-Halle gefeiert. Der Veranstalter kann sich keinen besseren Ort als hier im alten Zeitungsviertel denken.
Nur wenig später gibt sich der ADAC Berlin-Brandenburg die Ehre. „Hier tanzt Berlin“, sein Motto, nämlich am 22. Januar im Maritim Hotel. Berlin in Bewegung zu versetzen, hat sich der ADAC Ball zu seinem 85. Jubiläum vorgenommen. Seine Premiere feierte der legendäre Ball 1905 anlässlich der internationalen Automobil-Ausstellung in der damaligen Reichshauptstadt Berlin und ebnete an diesem Tag den Weg für eine beliebte Tradition. Mit dem Konzept der Verjüngung macht die Ankündigung neugierig auf Programm und Musikauswahl. Neben den Ballstandards werden modern interpretierter Swing und elektronische Klänge unterhalten.
In Berlins Vergangenheit findet man ein reges Balltreiben. Sommerbälle, Maskenbälle, Silvesterbälle, Gründungsbälle. Legendär und Stadtgespräch waren die Bälle der Berliner Ganovenringvereine in den zwanziger Jahren. Hier saßen Polizeichefs und Wirtschaftsgrößen neben Unterweltbossen und trafen in gelöster Atmosphäre dubiose Arrangements.
Nicht zu vergessen der gute Zweck vieler Bälle. Versteigerungen, Tombolas oder Spendensammlungen sind oftmals fester Programmpunkt. Das Regelwerk gibt sich streng. Garderobe, Sitzordnung, Ansprache und die Ehre des Eröffnungstanzes. Der ballgerechte Auftritt ist eine recht traditionelle Angelegenheit. Das Ballkleid, der stoffgewordene Mädchentraum, in der Regel schulterfrei und bodenlang. Die Frisur, wer über das nötige Volumen verfügt, wird sich für eine Hochsteckfrisur entscheiden. Die Männer in Smoking. Eine Tanzschule sollte man auch schon mal besucht haben. Den Gedanken hatten auch die Ballorganisatoren der Humboldt-Universität und bieten Auffrischkurse über die Sektion Hochschulsport in Foxtrott, Quickstep, Cha Cha und Walzer an. Zu den Bällen gehören die Mottos, die Schirmherren und die Lounges. Powderraum mit Stylisten für die Damen, Raucherlounge für die Herren mit Zigarrendreher und einer klassischen Shotbar inklusive charakterstarken Spirituosen. Außerdem offeriert der ADAC seinen Gästen eine Service Area mit Schneider, Schuster und Schuhputzer.
Doch die Bandbreite der Veranstalter eröffnet Spielräume innerhalb der Zielvorgabe: Ballnacht gleich rauschende Nacht, und da sind wir wieder sehr berlinerisch. Die Wege dorthin können sehr verschieden sein. Bei den Humboldts geht’s locker zu im „Kosmos. Zwischen Himmel und Erde“ am 4. Dezember im bcc, dem Berliner Congress Center am Alexanderplatz. Der GASAG-Ball findet am 11. Dezember im Maritim Hotel statt. Absoluter Höhepunkt des Abends dürfte der Auftritt von Marianne Rosenberg kurz vor Mitternacht sein. Zum „Ball der Wirtschaft“ lädt der Verein Berliner Kaufleute und Industrieller – einem der ältesten und angesehensten Wirtschaftsclubs in Deutschland. Berlins Kaufleute bitten immerhin schon zum 61. Mal zum Tanz auf einen der elegantesten Bälle der Stadt mit hochkarätigen Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Der Erlös des Festballs fließt in den gemeinnützigen Verein Bürgernetzwerk Bildung, mit dem Lesepatenschaften für Berliner Schüler unterstützt werden. Gefeiert wird am 26. Februar 2011 im Intercontinental unter der Schirmherrschaft von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle.

Brit Hartmann
 

45 - Winter 2010/11

Ideen für die Umwelt

Im Rahmen ihrer Initiative „Berlin verpflichtet“ startete die Gasag im April dieses Jahres ihren Zukunftswettbewerb, mit dem der Berliner Energiedienstleister zahlreiche innovative Klimaschutzprojekte auszeichnete. In der O2 World wurden die Preisträger in drei Kategorien gekürt.

Neben der Verpflichtung, selbst aktiv den Kohlendioxid-Ausstoß zu reduzieren und zum sparsamen Umgang mit Energie beizutragen, hat sich der Berliner Energiedienstleister Gasag das Ziel gesetzt, dabei breite Schichten der Bevölkerung miteinzubeziehen. Was eignet sich dafür besser als ein öffentlicher Wettbewerb, der sich an alle Berliner richtet, an Fachleute der Branche genauso wie an Wissenschaftler, Lehrer und Schüler? So suchte die Gasag seit April 2010 unter dem Motto „Sie können das auch“ nach Ideen, Initiativen und Projekten vor allem zur Energieeinsparung. Die Resonanz daraufhin war unerwartet groß. Innerhalb von vier Monaten wurden 49 qualitativ hochwertige Wettbewerbsbeiträge eingereicht, was Gasag-Vorstand Andreas Pohl begeisterte.
Die Beiträge wurden von einer fach- und branchenübergreifenden Jury prämiert. Vertreter der Handwerkskammer, der Innung SHK, der Berliner Energieagentur, der Schornsteinfeger-Innung, der Hochschule für Wirtschaft und Recht, des uptown Verlags, der Architektenkammer sowie der Gasag AG entschieden im August über die Preisträger in drei unterschiedlichen Kategorien. Als Preisgeld wurden dem Gewinner 5.000 Euro übergeben. Die drei ausgelobten Kategorien waren Architektur und Klima, Handwerk und Umwelt sowie Bildung und Innovation. Das stellte sich als gute Wahl heraus, denn so engagierten sich auch Teilnehmer aus weniger technisch oder wirtschaftlich ausgerichteten Bereichen.
Der erste Preis in der Kategorie Architektur und Klima ging an die Technische Abteilung der Freien Universität für ein Prämiensystem zum sparsamen Energieumgang, ein zweifellos herausragendes und wirklich nachahmenswertes Projekt. Darin sind alle Fakultäten, Wissenschaftsbereiche und sämtliche Mitarbeiter einbezogen. Das Prämiensystem fußt auf einem festgelegten Referenzwert für den Strom- und Wärmeverbrauch. Wer ihn unterschreitet, wird belohnt, wer ihn überschreitet, bestraft, muss also gewissermaßen zuzahlen, d.h., sein Budget verringert sich. Auf diese Weise können die energiebewusst arbeitenden Universitätsbereiche ihre Gelder aufbessern, denn fünfzig Prozent der eingesparten Kosten stehen ihnen dann zur freien Verfügung.
Motivierender kann Energiesparen nicht sein. Abgesehen vom beeindruckenden finanziellen Ergebnis des Prämiensystems, das immerhin zur Entlastung der jährlichen Energiekosten um 2,6 Millionen Euro beiträgt. In der Kategorie Handwerk und Umwelt gewann der Meisterbetrieb von Jörg Behrendt den ersten Preis für die Umwandlung eines ehemaligen Bürogebäudes in ein Energiehotel. Das bedeutete nichts anderes, als ein Höchstmaß an Energieeffizienz zu erreichen, ohne auf entsprechenden Komfort zu verzichten. Ein Spagat, der nur mit einem besonders ausgeklügelten Energieversorgungskonzept zu erreichen war. So wählte der Handwerksmeister als Herzstück der Anlage ein erdgasbetriebenes Blockheizkraftwerk, das Wärme und Strom für das Hotel liefert. Überschüssige Energie wird dabei gegen Vergütung ins öffentliche Netz eingespeist. Zusätzliche Wärmeenergie kommt vom Dach aus einer Solaranlage. Eine Wärmepumpe, in Verbund mit modernster Lüftungstechnik, sorgt für energieeffizienten Luftaustausch. Das Konzept ging schließlich auf: Im Hotel wird fünfzig Prozent weniger Energie verbraucht als in vergleichbaren Hotels.
Dass Energiekompetenz bereits in jungen Jahren und spielerisch erworben werden kann, beweisen die Wettbewerbsbeiträge in der Kategorie Bildung und Innovation. Den ersten Preis gewann der Kreuzberger Kinder- und Jugend-Mitmach-Zirkus Cabuwazi mit seinem Märchen von Taborka. Darin wird die Geschichte eines Landes erzählt, in dem das Klima durch die Folgen menschlichen Handelns aus dem Gleichgewicht geraten und das Leben bedroht ist. Eine Elfe soll die Regierenden um Hilfe bitten, die allerdings mehr mit sich selbst beschäftigt sind. Glücklicherweise tritt in diesem phantasievollen Bühnenstück der Zauberer Morodin auf, der die Zeit zurückdreht und so die Möglichkeit eröffnet, eine zukünftige Klimakatastrophe zu verhindern. In der Spielzeit des Stückes fand passenderweise der G8-Gipfel in Heiligendamm statt.
Den zweiten Preis in dieser Kategorie erhielt das Oberstufenzentrum TIEM in Spandau. Dort wurde das Berufsbild des Assistenten für regenerative Energietechnik und Energiemanagement entwickelt. Eigens dafür entstand auf dem Gelände des Oberstufenzentrums ein einzigartiger Experimentierpavillon, in dem die Ausbildung sehr praxisnah stattfinden kann. Das OSZ TIEM trägt so in hervorragender Weise dazu bei, Fachleute für den boomenden Bereich der Erneuerbaren Energien zu qualifizieren.
Schließlich zeigt der dritte Preis in der Kategorie Bildung und Innovation, wie ganz praktisch innovative Energieerzeugung in die Ausbildung integriert wird. Die Schüler und Lehrer des Oberstufenzentrums für Bürowirtschaft und Dienstleistungen betreiben eigenverantwortlich ihre Photovaltaikanlage, die jährlich 12 000 Kilowattstunden Strom erzeugt. An der eigens dafür gegründeten Juniorfirma Solar Systems können sich auch Schüler als Anteilseigner beteiligen und sind so an den Erlösen beteiligt, die teilweise in einen Solarschulfonds fließen, um wiederum andere Solar-Schulprojekte mitzufinanzieren.
Die Preisverleihung fand im September in der O2 World statt. Ein buntes Programm begleitete die Ehrungen der Preisträger. Wie es heißt, will die Gasag den Zukunftswettbewerb weiterführen. Sie setzt dabei auch auf einen gewissen Nachahmungseffekt als Impulsgeber, um noch mehr Unternehmen, öffentliche Einrichtungen und Berliner für den Energie- und Klimaschutz in der Stadt zu aktivieren.

Reinhard Wahren
 

45 - Winter 2010/11

Biotop Großstadt

Wanderfalken über Berlin-Mitte, Wildschweine auf dem Gehsteig, ein Fuchs im Wintergarten der Kanzlerin, ein anderer an der Bushaltestelle, Biber im Westhafen und brütende Stockenten im Blumenkasten auf dem Balkon – unglaubliche Fotos von Florian Möllers, eingefangen während jahrelangem Streifen in der freien Stadtwildbahn.

„Wilde Tiere in der Stadt. Inseln der Artenvielfalt“ ist mehr als ein Fotoband skurriler Schnappschüsse, ist eine Entdeckungsreise durch das Biotop Berlin und ein Plädoyer für den überlegten Umgang mit der Natur schon vor der Haustür, denn dort beginnt, traut man den Aufnahmen, ungeahnt wildes Leben. Möllers, Jahrgang 1971, ist nicht nur Naturfotograf, sondern auch Autor und Biologe. Heiklen Tier-Mensch-Beziehungen gilt seine Aufmerksamkeit. Möllers Botschaft: Jetzt aber raus und Augen auf! Großstadt heißt nicht Ende der Natur. Die Unwirtlichkeit der Städte ist also eine Lüge, sondern ganz im Gegenteil „ein Glücksumstand für Mensch und Natur“, so Prof. Dr. Josef Reichholf, Ökologe und Evolutionsbiologe aus München. Der junge Forschungsbereich Stadtökologie, bezeichnenderweise mit einer Arbeitsgruppe an der Freien Universität der damaligen Inselstadt Berlin rasch führend auf diesem Gebiet, befasst sich mit dem erstaunlichen Phänomen der urbanen Besiedelung durch Pflanzen und Tiere. Im ländlichen Raum schwindet die Artenvielfalt. Aber in den Städten sieht es anders aus, sie sind reich an Unterschlupf, Nahrung und Freiflächen. Und Berlin ganz besonders. Nur ein Viertel von 890 Quadratkilometern Stadtfläche ist bebaut. Der Waldanteil liegt bei 18 Prozent, weitere sechs Prozent entfallen auf Gewässer, nahezu 2500 Grünanlagen, Parks und Friedhöfe liegen innerhalb des Stadtgebietes.
Im ehemaligen Todestreifen gedieh lange Jahre ungestört Leben. Friedhöfe beherbergen Füchse und Dachse in stillen Ecken, über steinige Brachen huschen Zauneidechsen, Fledermäuse hängen kopfüber in der Zitadelle, Igel fühlen sich in der Laubenkolonie wohl und Waschbär „Alex“ in der Tiefgarage vom Park Inn Hotel am Alexanderplatz. Die Mauerkaninchen mussten zwar den Potsdamer Platz räumen, doch die finden selbst an einer Verkehrsinsel Gefallen. Auch Waldkauz, Habicht, Mäusebussard und Fasan wissen die wärmeren Temperaturen und üppige Futterlage zu schätzen und bewegen sich mit verblüffender Vertrautheit. Auf einem stillgelegten Bahngelände hat sich eine stabile Population mit mehr als 60 ausgewachsenen Exemplaren der Mantis religiosa, der Gottesanbeterin, angesiedelt. Die nächsten Vorkommen leben mehr als 500 Kilometer entfernt. Der Wanderfalke, vor dreißig Jahren in Deutschland fast ausgestorben, nistet in den Türmen der Marienkirche und des Roten Rathauses. Berliner Nachtigallen in Straßennähe 
singen lauter. Überraschende Entdeckung für Forscher, die davon ausgingen, dass die Männchen grundsätzlich alles geben. Nimmt am Wochenende die Verkehrsdichte ab, fahren auch die Nachtigallen zurück und locken nur so laut wie nötig.

Waschbär Alex in der Hotelgarage des Park Inn am Alexanderplatz [Foto: Derk Ehlert]

Märchenhafte Zustände. Kammmolche, Moorfrösche und Knoblauchkröten im stillen Tümpel. Füchslein im Schlaraffenland, Wissenschaftler untersuchten die Nahrungszusammen
stellung. Dem Stadtfuchs geht es wesentlich besser als seinem Gevatter im Wald. Feldhasen verwandeln sich in Stadthasen. Die Stadt als paradiesischer Ort des Friedens. Doch die Idylle hat auch Schattenseiten. Schneewittchen und die sieben Zwerge kommen am Sonntagnachmittag. Die sieben Frischlinge und ihre Mutter toben durch Rabatten entlang der Argentinischen Allee. Alltägliche Begegnungen – Berlin ist Wildschweinhauptstadt – und moderierender Alltag für Förster Marc Franusch. Erschießen, das will keiner, aber die Biester nun sogar in der Kinderplansche, also jetzt reicht es dann doch. Zwei bis drei Wochen abwarten und nicht füttern, rät Franusch geduldig.
„Füttern. Nein Danke!“ steht auch auf dem eigens erstellten Faltblatt der Berliner Forsten. Wildschweine gehören nicht gemästet mit Hundefutter und Spaghetti. Derk Ehlert, Jagdreferent der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, warnt, verlieren die Tiere die letzte Scheu vor den Menschen, dann stellen sie eine potentielle Gefahr dar. Sie werden dreister. Wildschweine sind intelligent. Aufihrem Weg durch das Dickicht der Städte haben sie ihre festen Verabredungen: kennen die Öffnungszeiten von Supermärkten, stehen beim Pausenklingeln vor Schultoren, durchstöbern den Müll der Badegäste im Sommer. Die Senatsverwaltung berät bei Wildschweinproblemen. Was kann der Bürger am Stadtrand tun? Er muss sich wappnen. Robuste Zäune um Beete, Abfalltonnen und Komposthaufen ziehen. Umfriedungen mit Betonfundamenten werden empfohlen. Nicht zuletzt der Hinweis vom Amt: Wildschweine können im Bedarfsfall auch springen. Deshalb sollte eine Höhe von 1,50 Metern eingehalten werden.
Auch ohne Wildschwein im Vorgarten darf man sich vom Zusammentreffen der Städter und der wilden Tiere angesprochen fühlen. Wo sollte ein Nistkasten hängen. Was brauchen Gebäudebrüter? Muss es wirklich ein Laubpuster sein? Mit einsetzendem Frost beginnt die Vogelhäuschensaison, und Tipps für die richtige Mischung gibt der NABU.

Brit Hartmann
Das Buch und sein Autor Florian Möllers [Foto: Staffan Widstrand]

Informationen

  • Florian Möllers, Wilde Tiere in der Stadt. Knesebeck Verlag,
    München 2010, 176 Seiten, 29,95 Euro
  • www. wildesberlin.de

 

45 - Winter 2010/11
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