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Kultur (62 - Frühjahr 2015)

Gelungene Mischung

In der Arminius-Markthalle hat im letzten Jahr das Inseltheater Moabit seinen Heimathafen gefunden, nachdem das Ensemble zuvor viele andere Bühnen Berlins bespielte.

Das denkmalgeschützte Gebäude der Arminius-Markthalle war im letzten Jahr deutschlandweit für den Location Award 2014 nominiert und hat unter 508 Mitstreitern ganz knapp den 1. Platz verpasst. Und dies nicht ohne Grund: Nachdem sie in einem langjährigen Dornröschenschlaf versunken war, wurde die 1891 fertiggestellte Markthalle im Jahr 2010 renoviert und restauriert als Zunfthalle wiedereröffnet. 

Es ist geglückt, die Markthalle für alle Besucher zu erhalten, die Mischung aus Kiez und Weltstadt funktioniert: Alteingesessene Moabiter Marktstände heißen neue willkommen, der urige Berliner Imbiss, in dem schon die Fernsehserie „Drei Damen vom Grill“ gedreht wurde, hat fernöstliche, italienische, amerikanische und österreichische Nachbarn bekommen. Obst und Gemüse, Backhandwerk, Wild, Geflügel und andere Metzgereiprodukte, Käse, Fisch, Trockenfrüchte und Blumen werden feilgeboten, aber auch selbst gebrautes Bier, Winzerweine, Comics, Geschenkartikel und noch vieles andere. Dazu gibt es Kultur und unterschiedlichste Veranstaltungen; viele Firmen oder Familien feiern in der Halle Jubiläen oder andere Anlässe. Vor allem an den Samstagen brummt die Markthalle, begleitet von einem Pianisten, wie ein Bienenstock. Den es übrigens in mehrfacher Ausführung auf dem Dach der Halle gibt.

Die Marktstandbetreiber selbst sind häufig noch Berliner Urgesteine. Zwischen ihren Inseln präsentieren sich zunehmend die unterschiedlichsten Restaurants, die Übergänge sind fließend: Jeder Bereich hat seine eigene Atmosphäre, ob rustikal-bäuerlich auf Strohballen oder an der Mutter aller Tische, einer langen Holztafel, über der ein Kronleuchter schwebt. Die Halle hat aber durchaus auch Caféhaus-Ambiente oder chillige Lounge-Atmosphäre zu bieten, für jeden Bedarf ist etwas dabei. Es gibt auch Skeptiker, die die Neuerungen mit Argwohn verfolgen. Aber auch sie bleiben diesem Ort nicht fern, bietet er doch vielen Menschen einen sozialen Treffpunkt. 

Auch ein festes Theater hat in der Arminius-Markthalle ein Zuhause gefunden. Längst über Bezirksgrenzen hinaus bekannt steht die Bühne des Inseltheaters Moabit ebenfalls auf einer Insel, so wie auch die Stühle für die Zuschauer auf Marktinseln platziert sind. Gespielt werden zwei Produktionen im Jahr, eine Frühlings- und eine Herbstinszenierung. Der Theaterraum mit rotem Teppich, Samtvorhängen und gepolsterten Stühlen kontert die Marktatmosphäre ein wenig. Aber wie kommt man überhaupt auf die Idee, sein Theater in einer Markthalle zu platzieren? Annette Kraß, Intendantin und Produktionsleiterin des Inseltheaters Moabit, hat mit ihrem Ensemble vorher schon gastweise in der Halle gespielt. Da wurden für „Die lange Nacht“ schon mal zwei sich gegenüberstehende Bühnen im Mittelgang der Halle aufgebaut, und nachdem das erste Stück gespielt war, drehten die Zuschauer ihre Stühle um 180 Grad und konnten sich dem zweiten Stück widmen. „Auf- und Abbau waren dann aber doch sehr aufwendig, und als uns der Manager der Halle, Yiannis Kaufmann, das Angebot machte, die Eventfläche für das Theater zu nutzen, war es keine Frage mehr. Wir haben viele Meter Samtvorhänge geöst und gehängt, um unserem Theater einen eigenen Raum zu geben, Stangen für die Lichttechnik eingezogen, Lautsprecher-Boxen für den Ton installiert, die 99 Sitzgelegenheiten gestellt.“

Das Repertoire der Truppe reicht von klassisch bis modern, in den letzten Jahren hat sich das Ensemble eher den modernen Stücken gewidmet. In der aktuellen Frühlingsproduktion, die bis zum 21. Juni läuft, am 11. April war Premiere, wird „Freunde zum Essen“ gespielt, eine lebenskluge Komödie, die das Leben von Paaren in den mittleren Jahren beschreibt. Thomas Wingrich hat das Stück inszeniert, mit viel Komik, der Autor Donald Margulies hat für dieses Werk neben vielen anderen Auszeichnungen im Jahr 2000 den Pulitzer- Preis bekommen. Die Herbstproduktion ist auch schon in Arbeit. Das Stammpublikum wächst, es spielt eine wichtige Rolle: „Schließlich befinden wir uns in Berlin in einer Kulturhauptstadt, auch Moabit bietet zunehmend mehr Kulturprogramm, da muss man sich schon etwas einfallen lassen“, sagt Annette Kraß. „Aber wir merken, dass die Markthalle als Spielstätte neugierig macht, wir hiermit als Theater ein Alleinstellungsmerkmal haben.“

 

Information 

reservierung@inseltheater-moabit.de oder 3988 7785
www.inseltheater-moabit.de

 

62 - Frühjahr 2015
Kultur

Metropole unter Strom

In keiner anderen Stadt Deutschlands existieren so viele und bedeutsame Zeugnisse des Industriezeitalters wie in Berlin. Dabei spielten die Nachrichtentechnik und Elektroindustrie eine besondere Rolle. Die wiedereröffnete und neu konzipierte Dauerausstellung „Elektropolis Berlin“ im Deutschen Technikmuseum führt durch deren eindrucksvolle Geschichte.

Dass Berlin einst die größte Industriemetropole Europas war, ist heute ohne Weiteres nicht mehr nachzuvollziehen. Die großen Firmen mit Weltruf agieren längst anderenorts. Nur mit einem entsprechenden Führer ließe sich das reiche industrielle Erbe erschließen. Zum Glück gibt es das Deutsche Technikmuseum am Gleisdreieck, das seit Februar mit seiner neu konzipierten Dauerausstellung „Elektropolis Berlin“ die Metropole auch als einstige Stadt der Kreativen wieder in den Fokus rückt. Denn im ausgehenden 19. Jahrhundert und beginnenden 20. Jahrhundert geriet sie zum Zentrum der Elektroindustrie, war wichtigster Industriestandort der Branche in Europa. Mit technischen Errungenschaften und Bauwerken, die für die sich rasch ausbreitende Metropole unerlässlich waren. Ohne die innovative Kraft der Elektrizität war damals und ist heute weltstädtische Urbanität nicht möglich. 

In Anlehnung an Fritz Langs Film „Metropolis“ kam der Begriff der „Elektropolis“ auf. Hatte Berlin während des Ersten Weltkrieges und danach noch auf Fernstrom zurückgreifen müssen, ging 1928 nach nur zwei Jahren Bauzeit ein wahrer Stromgigant ans Netz: das Kraftwerk Klingenberg. Es war damals das größte und modernste Großkraftwerk Europas. Noch heute beeindruckt seine Stilis-
tik: eine Mischung aus funktionellem Industriebau und amerikanischer Wolkenkratzer-Architektur. So konzentriert sich die Ausstellung im Deutschen Technikmuseum besonders auf die noch bestehenden Bauten der Elektrokonzerne AEG, Siemens und der ehemaligen Berliner Elektricitätswerke. Durch sie wurde Berlin zur Hauptstadt der Elektroindustrie. Ihr Architekt Peter Behrens entwarf dafür die Produktionshallen, Verwaltungsgebäude und Werkssiedlungen, die zum Teil noch heute bestehen, wie die AEG-Turbinenhalle in Moabit, die NAG-Fabrik in Oberschöneweide oder die Zinshäuser für die AEG-Arbeiter in Hennigsdorf. 

Die eigentliche Geburtsstunde der Elektroindustrie in Berlin markiert aber bereits die 1847 von Werner Siemens und Georg Halske gegründete „Telegraphen-Bau-Anstalt“. Entlang der bestehenden Eisenbahnlinien wurden die ersten Telegraphenmasten aufgestellt. 1866 ließ Werner von Siemens seine Dynamomaschine patentieren, die erstmals eine Erzeugung elektrischer Energie in größerem Umfang zuließ. Dies verhalf dem Elektromotor zum Durchbruch. Ende der 19. Jahrhunderts wurden die ersten Elektrizitätswerke gegründet, und es siedelten sich viele Unternehmen in Berlin an. Die neue „Wunderkraft“ Elektrizität zog Techniker und Ingenieure in ihren Bann und der Slogan „Alles elektrisch“ gebar eine wahre Produktrevolution: Die meisten der heute gebräuchlichen elektrischen Haushaltgeräte kamen bereits um die Wende zum 20. Jahrhundert zur Welt. So eröffnete sich durch die flächendeckende Stromversorgung ein gigantischer Markt für neue Produkte. 70 Prozent der deutschen Elektroindustrie waren um 1930 in Berlin angesiedelt. Diese netzartige Konzentration von Unternehmen, Ingenieuren und Politikern war Grundlage für die „Elektropolis Berlin“.

Der Weg dorthin wird in der neu konzipierten Ausstellung des Deutschen Technikmuseums anhand von zahlreichen repräsentativen Objekten aufgezeigt: vom ersten Zeigertelegraphen, den ersten Experimenten zur drahtlosen Telegraphie, dem ersten Mittelwellen-Sender und der RIAS-Sendeanlage von 1948 über frühe Tonaufzeichnungen bis zu den Anfängen des Fernsehens mit einem Schwarzweiß-Fernsehstudio aus dem Jahr 1958. Sie verdeutlichen das große Entwicklungspotenzial, welches Elektro- und Rundfunkindustrie in Berlin erzeugt hat, wobei sich die einzelnen Innovationen stets gegenseitig beeinflusst und befördert haben. Ausgelöst und vorangetrieben durch die Erfinder und Visionäre der Anfangszeit, wie Emil Rathenau, dem Gründer der AEG, der damaligen Skeptikern gegenüber äußerte: „Sie verkennen den unersättlichen Elektrizitätshunger, der in wenigen Jahren sich einstellen wird. Ich sehe hohe, luftige Riesenhallen mit vieltausendpferdigen Maschinen, die automatisch und geräuschlos Millionenstädte mit Licht und Kraft versorgen.“

Reinhard Wahren

 

Information

Dauerausstellung
Elektropolis Berlin – Eine Geschichte der Nachrichtentechnik und der Elektroindustrie

Deutsches Technikmuseum
Trebbiner Straße 9, 10963 Berlin

 

62 - Frühjahr 2015
Kultur

Das Bildgedächtnis West-Berlins

Klaus Kinski, auch „Journalistenfresser“ in der Branche genannt, lud den Bildjournalisten Harry Croner in seine Wohnung ein, um sich fotografieren zu lassen. Interessanter als Kinski selbst ist an diesen Aufnahmen dessen Wohnungseinrichtung: eine Art Gartenbank, eine merkwürdige Pritsche als Bett, Plakate an den Wänden, Bücherstapel auf dem Boden. 

Der Fotograf macht auf diese Weise den egozentrischen Mimen irgendwie sympathisch. So sind diese Fotos ein besonderes Juwel unter den Arbeiten von Harry Croner, dem Pressefotografen, der 40 Jahre lang unermüdlich in West-Berlins Theaterszene unterwegs war, wahrscheinlich jeden Prominenten fotografierte, der die Stadt je betreten hat, Wahrzeichen beim Aufbau begleitet hat. Betrachtet man die Ausstellung „Bühne West-Berlin“ im Märkischen Museum, weiß man, dieser Fotograf hat das Bildgedächtnis vom „Schaufenster des Westens“ geschaffen. Über 100 000 Abzüge hat er hinterlassen und 1,3 Millionen Negative.  

Harry Croner wurde 1903 in Berlin geboren, absolvierte eine kaufmännische Lehre, arbeitete bei verschiedenen Automobilfirmen als Werbeleiter und reiste für BMW durch die Lande. Aber er hatte schon die Fotografie im Blick. Mit 30 eröffnete er ein Fotogeschäft, er verkaufte nicht nur Kameras, sondern fertigte auch schon Porträtaufnahmen an. 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, kam als Kriegsberichterstatter an die Westfront und dokumentierte den Einmarsch der Deutschen in Paris. 18 Monate später wurde er entlassen, die Nazis hatten herausgefunden, dass  er einen jüdischen Vater hatte: „wehrunwürdig“. Nach einem kurzen Aufenthalt in Berlin, wo man ihm Laborarbeiten gestattete, wurde er in ein Arbeitslager zwangsverpflichtet, kam in amerikanische Kriegsgefangenschaft und fand nach seiner Entlassung 1946 sein Geschäft in Trümmern liegend. Neuanfang mit 43 Jahren. Er griff sofort zur Kamera und wurde freier Bildreporter, arbeitete unter anderem für „Tagesspiegel“, „Morgenpost“ und „Welt am Sonntag“. Croner stand immer in der ersten Reihe, ob beim Kellner-Derby, Seifenkistenrennen, bei der Wahl zur Miss Wannsee, beim Sechstagerennen oder beim Sommerfest, wo Bürgermeister Otto Suhr den „Wurstmaxen“ gab – oder besonders schön, weil dies so distanziert beobachtende Aufnahmen sind, die Eröffnung der Hongkong-Bar, zu der er ausdrücklich eingeladen wurde. Man wusste, seine Bilder schaffen es in die Zeitung. Auch die Damen vom Damenrauch-Club „Blauer Dunst“ werden dies gedacht haben, als sie sich ausgesprochen gut gelaunt ablichten ließen. Die Ausstellung zeigt auch Beispiele seiner journalistischen Reportagen, originell seine Serie entlang der S-Bahn-Strecken, „Zoo-Jannowitzbrücke“ , die kann man in einem alten S-Bahn-Waggon anschauen und so ein besonderes Feeling für die Fotos enwickeln. Aber sein Hauptaugenmerk lag auf der künstlerischen Prominenz. Als 1951 die Berlinale ins Leben gerufen wurde, stand er Jahr für Jahr am Roten Teppich. Da kam Glamour in die Stadt und überstrahlte die Ruinen, Croner liefert dazu die Bilder von Claudia Cardinale und Co. und deren jubelnden Fans am Teppichrand. Er fotografiert andere Stars beim Nachtleben – viele Jazzgrößen, Andy Warhol, Leonard Bernstein. Croner hatte die Fähigkeit, genau im richtigen Moment abzudrücken, da sehen alle gut aus, da wird nichts peinlich, da wirkt nichts gestellt – da ist einfach nur Fröhlichkeit. Vermutlich wird das Kinski überzeugt haben, Croner in seine Wohnung zu lassen. Gut zwei Drittel seiner Arbeiten spielen im Theater – und so ist eine sicher einmalige Dokumentation des WestBerliner Bühnenlebens entstanden. Götz George als Junge im „Wilhelm Tell“, Ilja Richter als Kinderstar, Helene Weigel als „Mutter Courage“, Piscator, Juhnke, Pfitzmann, Peter Ustinow, Tilla Durieux, Bernhard Minetti, Karl Dall – eben irgendwie alle sind in den Aufnahmen von Harry Croner verewigt und zeugen von der großen Bühnenkunst in dieser Stadt.

Martina Krüger

 

Information

Bühne West-Berlin
bis zum 28.6. im Märkischen Museum/Stadtmuseum Berlin.
Dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr.

 

62 - Frühjahr 2015
Kultur

„Sind die normal oder eklich?“

... fragen sich die Kinder, als ihre Eltern nach erfolgreicher Scheidung beschließen,  es nach Jahren doch nochmal miteinander zu versuchen. „Tag Hicks oder Fliegen für vier“ heißt das Stück, das den diesjährigen „berliner kindertheaterpreis“, gemeinsam ausgeschrieben von Grips-Theater und der Gasag, gewonnen hat.

Die Jury war offensichtlich fasziniert. Die Autorin beschreibe die verrückte, schöne, wunderliche Welt der Kinder – und wie sie die verrückte, nicht besonders schöne, wunderliche Welt der Erwachsenen sehen. Und das mit subversiver Logik und urkomischen Dialogen. Für Kirsten Fuchs ist es ihr Debüt als Stückeschreiberin – als Autorin von Romanen, Kolumnen und Kurzgeschichten hat die 1977 in Karl-Marx-Stadt Geborene längst einen Namen. Es sind ihr leichter, humorvoller Stil, das Ungekünstelte, ihre scheinbar lapidaren Beobachtungen, die den Leser verblüffen und ihn denken lassen: Genau so ist es oder so habe ich das noch gar nicht gesehen.  Aber warum setzt sie nun auf ein ganz anderes Pferd? „Der Stoff rumorte aktuell in meinem Kopf herum“, sagt sie. Aber für ein Prosa-Stück schien es ihr zu persönlich. Die dramatische Form würde Abstand dazu schaffen.  Doch der Kindertheaterpreis hat seine ganz eigene Herangehensweise, die Kirsten Fuchs wohl auch verblüffte. Hier wird ein Stück aus der Einreichung heraus gemeinsam entwickelt. Aus 120 Einreichungen – das ist im zehnten Jahr der Zusammenarbeit zwischen Theater und der Gasag ein Rekord, wurden vier Texte für Phase zwei ausgewählt.  Das Credo des Theaterpreises ist es, nicht einfach nur gute Stücke für Kinder zu finden, sondern Bühnenproduktionen zu entwickeln, die es auf den Punkt bringen, die genau die Zielgruppe erreichen, die in Sprache und Gestus aus der Sicht der Kinder und aus ihrer aktuellen Lebenswelt erzählen. Kein Zweifel, dass man dafür im legendären Grips-Theater über ein besonderes Händchen verfügt.  Jüngstes Beispiel: Milena Baischs „Die Prinzessin und der Pjär“ (Preisträger im Jahr 2013), ein eindringliches und herrlich komödiantisches Theaterstück für Menschen ab acht, wurde zu vielen Gastspielreisen eingeladen und gewann den Mülheimer „KinderStückePreis 2014“. An dieser Stelle kommt auch das Engagement der Gasag ins Spiel. Es geht dem Unternehmen darum, Kultur so zu fördern, dass sie lange lebt. Vera Gäde-Butzlaff, Vorstandsvorsitzende der Gasag, versteht dieses kulturelle Engagement als Teil des unternehmerischen Selbstverständnisses. „Einzigartigkeit, unternehmerischer Mut und Beharrlichkeit, die stete Weiterentwicklung von Ideen und Initiativen sowie eine nachhaltige Wertschöpfung für alle Beteiligten – das sind gemeinhin die üblichen Kennzeichen für ein erfolgreiches Produkt“, und sie bezieht dies auf das Unternehmen Gasag und den „berliner kindertheaterpreis“. Und schließlich geht es auch darum, dem Nachwuchs eine Chance zu geben – dem, der für die Bühne schreibt und dem, der im Publikum sitzt. Und dafür nehmen sich Grips-Theater und Gasag Zeit. Von der Auswahl der Stücke bis zum Küren des Preisträgers dauert es zwei Jahre, sodass in zehn Jahren Zusammenarbeit fünf Stücke zu Buche stehen. Das Besondere daran ist, dass die letztlich ausgewählten Stücke im Rahmen zweier mehrtägiger Workshops genau unter die Lupe genommen wurden. Es gab Schulbesuche, Gespräche mit Dramaturgen, Autoren, Theaterpädagogen und Kindheitsexperten – die Autoren sehen dann ihr Stück in anderem Licht. Und nach weiteren Wochen quasi der erste Praxistest. Schauspieler lesen und spielen die Texte. „Das war eine verrückte Erfahrung“, erzählt Kirsten Fuchs, „als Schauspieler meine Texte spielten.“ Und ihre Gefühle schwankten zwischen aufregend, erfreulich, peinlich, krass. Einige Dinge funktionierten, andere taten dies überhaupt nicht. „So ein Stück ist wie ein Kleid, das jemand anders tragen muss. Mal passt es, mal nicht“, sagt sie. Und ihr Kleid scheint in jedem Fall dem Grips-Theater zu passen.

Zehn Jahre sind für die  Gasag und das Grips-Theater nicht nur ein Grund, gemeinsam zu feiern, sondern auch weiterzudenken. Birgit Jammes, Sponsoringreferentin der Gasag und auch Mitentwicklerin dieses Preises, denkt laut: „Vielleicht muss der kindertheaterpreis gar kein reiner Autorenpreis mehr sein.“ Und man schöpft aus den Erfahrungen des „berliner opernpreises“, den ebenfalls die Gasag gemeinsam mit der Neuköllner Oper auslobt. Dieser Wettbewerb ist mittlerweile so ausgerichtet, dass nicht mehr nach einzelnen Komponisten Ausschau gehalten wird, sondern nach künstlerischen Kollektiven. Und man merkt ihr an, dass sie gemeinsam mit dem Grips-Theater große Lust hat, den „berliner kindertheaterpreis“ weiterzuentwickeln, auch ihm gewissermaßen ein neues Kleid zu schneidern.   

Martina Krüger

 

62 - Frühjahr 2015
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