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20 Jahre Magazin

20 Jahre Berlin vis-à-vis

Für uns Berliner und alle, die es geworden sind, hat sich die Stadt in den letzten 20 Jahren stark verändert. Berlin boomt. Nie waren die Besucherströme so groß wie in diesem Jahr. Schillernd, laut, bunt, lebendig, weltoffen: Die deutsche Hauptstadt ist beliebt, ihre Bewohner nörgeln weniger als früher, sind besser angezogen. Berlin ist aber nicht nur Touristenhotspot und Hochglanzmetropole. Bekanntlich hat jede Großstadt viele Gesichter.

Der große Traum des Tankerkönigs

Spätestens an der 15. und 16. Bahn greift die viertausendjährige Geschichte dieser südgriechischen Region unmittelbar ins Spiel ein: Neben dem 15. Grün, und nach dem nächsten Abschlag sogar bis ins beginnende Fairway hineinreichend, sind mehrere etwa 20 Meter breite und bis zu 80 Meter lange blaue Planen gespannt, die man für die Abdeckungen einer Gemüseplantage halten könnte. Doch daneben warnen schlichte Holzschilder: „Archaeological Dig – no entry!“ Willkommen im Land der Antike!

Wo immer auf diesem von Historie durchtränkten Boden ein Spaten oder eine Baggerschaufel in die Erde stößt, wird man fündig. So auch auf dem Navarino Dunes Course, für dessen Design kein Geringerer als der deutsche Ausnahme-Golfer Bernhard Langer verantwortlich zeichnete. Beim Bau des ersten Signature Golfplatzes auf dem griechischen Festland wurden unter anderem Mauerreste und Tonwaren einer prähistorischen Siedlung aus der frühen Bronzezeit gefunden, die Reste eines Tempels, ein mykenisches Grab und zahlreiche Überbleibsel einer Wohnsiedlung aus der Zeit um 1000 bis 1200 vor Christus. Ein eigenes Museum ist schon in Planung, das die zahlreichen beim Bau des Golfplatzes zutage geförderten Schätze aus den unterschiedlichen Geschichts- epochen Messeniens demnächst präsentieren soll. Der Captain selbst hat dies noch verfügt.

Vassilis C. Konstantakopoulus, respekt- und huldvoll „Der Captain“ genannt. Ohne den im Februar 2011 im Alter von 76 Jahren gestorbenen Reeder gäbe es in dieser landschaftlich reizvollen, aber extrem abgelegenen Küstenregion ganz im Südwesten des gebirgigen Peloponnes weder ein Museum noch ein Luxushotel, weder Golfplätze noch mehr als tausend neue touristische Arbeitsplätze. Er war der Spiritus Rector und über Jahrzehnte die treibende Kraft hinter dem Projekt Costa Navarino, dem ersten und einzigen Luxus-Öko-Resort ganz Griechenlands. Und er war, zum Segen der Region, ein bekennender Lokalpatriot.

Aus einer armen Bauernfamilie im Dorf Diavolitsi in Messenien stammend,    wurde Vassilis durch klugen Geschäftssinn, viel Arbeit und Hartnäckigkeit einer der größten und reichsten Reeder Griechenlands. Mit 18 kaufte er auf Kredit sein erstes Boot, gründete wenige Jahre später seine Reederei Costamare und wurde damit einer der ganz Großen in der griechischen Handelsschifffahrt, quasi ein neuer Aristoteles Onassis. Und eines rechnen ihm die Leute bis heute hoch an: Anders als bei vielen anderen Reedereien fuhren die Schiffe des Captain alle unter griechischer Flagge. Sein Credo: „Nur wenigen ist es vergönnt, Träume nicht nur zu träumen, sondern auch zu verwirklichen. Diese wenigen Glücklichen sollten beides in den Dienst der Allgemeinheit stellen.“

Ebenso zielstrebig wie als Reeder war Vassilis auch bei der Verfolgung seiner wichtigsten Vision: Schon früh nahm er sich vor, seine von der Welt vergessene Heimat Messenien zu entwickeln und auf die touristische Landkarte zu setzen – und zwar als eine der luxuriösesten Destinationen am ganzen Mittelmeer. In zweieinhalb Jahrzehnten sammelte er von der Provinzhauptstadt Kalamata bis westlich von Pylos in einem Umkreis von 40 Kilometern, fleißig wie ein Eichhörnchen, kleine und kleinste Grundstücke zusammen, in vier großen zusammenhängenden Flächen, teils direkt am Ionischen Meer, teils hoch über der wild romantischen, völlig unverbauten Küste gelegen.

Was der Captain damit vorhatte, hätte sich denken können, wer die täglichen Gewohnheiten des Reeders in Athen kannte: Kaum ein Tag, an dem der Cos-
tamare-Chef, den sie in Piräus respektvoll den „Tankerkönig“ nannten, nicht morgens um sieben wenigstens ein paar Löcher auf dem einzigen, qualitativ ziemlich bescheidenen Golfplatz der griechischen Hauptstadt spielte.

Jetzt kommen viele gut betuchte Athener nach Messenien, und sei es nur für ein verlängertes Golf- und Wellness-Wochenende. Gut drei Stunden dauert die Autofahrt von der Hauptstadt zur Costa Navarino. Es könnte deutlich schneller gehen; doch der Bau der seit Langem geplanten Schnellstraße von Kalamata an die Südwestküste, die die zeitraubende, schmale und kurvenreiche Landstraße übers Gebirge dereinst ersetzen soll, kommt nur im Schneckentempo voran. In Griechenland wurde die Demokratie erfunden – aber die Bürokratie, das Missmanagement und die Korruption nicht minder.

Auch der Captain muss sich oft gefühlt haben wie bei einem schier unendlichen Hindernislauf. Mehr als 1 100 Einzel-Lizenzen und Baugenehmigungen musste er den unterschiedlichsten lokalen, regionalen und nationalen Behörden abhandeln, abtrotzen – oder abkaufen. Man redet besser nicht darüber. Fest steht: Nur einer wie Captain Vassilis mit klarem Ziel, viel Bauernschläue und – auch finanziell – extrem langem Atem konnte diesen harten, enervierenden Kampf durchstehen. In mehreren Phasen soll das Projekt Costa Navarino zur vollen Blüte gelangen, mit langfristig insgesamt elf Fünf-Sterne-Hotels und einem guten halben Dutzend Golfplätzen – ein Ferien- und Golfparadies, das in Griechenland nicht seinesgleichen hat, aber auch international Maßstäbe setzen soll. Eine sportliche Kampfansage in Richtung Belek in der benachbarten Türkei ausgerechnet aus der Bucht von Navarino? 

Nur wenige Kilometer oberhalb des Costa-Navarino-Resorts, auf einem Hügel mit herrlichem Panoramablick über die Küstenlandschaft, liegen die Reste des Palastes des legendären Königs Nestor. Der Held aus Homers Ilias und weise Ratgeber Agamemnons schickte, so die Überlieferung, eine Flotte von 90 Schiffen nach Osten, in den Krieg um Troja. Rund 3 000 Jahre danach, am 20. Oktober 1827, versenkte eine britisch-französisch-russische Armada in der Navarino-Bucht Dutzende türkischer Kriegsschiffe – eine mitentscheidende Schlacht im jahrelangen Kampf der Griechen um die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. Weil von der mit untergegangenen Munition in den Wracks vermutlich immer noch Gefahr ausgeht, ist bis heute das Tauchen in der malerischen, weiten Bucht, die von der langgestreckten Felseninsel Sfaktiria nahezu vollständig vom offenen Meer abgeschirmt wird, streng untersagt. 

Costa Navarino soll – so das Vermächtnis von Captain Vassilis, das jetzt von seinem Sohn Achilles weitergeführt wird – für einen Griechenland-Tourismus stehen, wie er in dem Land, das keinen touristischen Masterplan kennt, bislang unbekannt ist: nachhaltig, umweltfreundlich und mit größtmöglichem Nutzwert für die einheimische Bevölkerung. Im Village-Stil, mit meist nur ein- bis dreistöckigen    Natursteingebäuden,  entstanden die  ersten beiden Hotels mit bioklimatischer Architektur: Das Fünf-Sterne-Haus The Westin Resort (445 Zimmer und Suiten) und das noch etwas edler eingerichtete The Romanos (321 Zimmer und Suiten – bis zu 192 Quadratmeter groß), das der Luxury Collection der amerikanischen Starwood-Kette angehört.

Dreiviertel der schon über 1 000 Resort-Angestellten stammen aus der Region Messini, wo Costa Navarino schon jetzt der größte Arbeitgeber ist. Zu dem Viertel Zugewanderter zählt Petros Tourgaidis. Der in Köln aufgewachsene „Deutsch-Grieche“, wie er sich selbst nennt, hat als Golfmanager von Costa Navarino eine der Schlüsselpositionen im Projekt inne. Die Golfplätze vor allem sollen künftig ganzjährig möglichst viele ausländische Gäste in den tiefen griechischen Süden locken, der dafür ein besonders geeignetes Mikroklima mit warmen Sommern und milden Wintern vorweisen kann.

Schnell kommt Petros auf das zu sprechen, auf das sie in Costa Navarino besonders stolz sind: auf die größte Olivenbaum-Verpflanzung, die es in Europa je gab. Exakt 6 492 zum Teil jahrhundertealte Olivenbäume wurden – mit fachkundiger Unterstützung durch Wissenschaftler, Baumexperten und Landschaftsarchitekten – vor dem Bau der beiden Hotels und des Dunes Courses mit großer Sorgfalt und all ihrem ausladenden Wurzelwerk aus der Erde geholt, auf einem großen Gelände beim Dorf Gialova zwischengelagert und dann auf dem Resortgelände wieder eingepflanzt. Ein riesiger Aufwand mit nahezu 100-prozentiger Erfolgsquote: ganze vier Olivenbäume starben bei der Mammutaktion.

Die anderen 6 488 schmücken das Resortgelände und den topgepflegten Langer-Golfplatz, als hätten sie nie woanders gestanden. Olivenbäume, wohin das Auge reicht, entlang der sanft wellig gestalteten, zum Meer hinabführenden Fairways der Bahnen 2 und 11 ebenso wie am Abschlag der 6, dem höchsten Punkt des Platzes mit einem fantastischen Fernblick über weite Teile der Golfanlage und bis zu der im Nordosten aufragenden bläulichen Bergkette. Schöner kann ein Resort-Golfplatz am Mittelmeer kaum sein, denkt der Gast – bis er den Navarino Bay Course gesehen und gespielt hat.

„Dies ist ein Golfkurs, den die Leute immer wieder und wieder werden spielen wollen“, hat Robert Trent Jones jr. über seine erste griechische Kreation gesagt – und damit keineswegs übertrieben. Der Bay-Course, knapp zehn Kilometer vom Dunes entfernt nahe der idyllischen kleinen Hafenstadt Pylos gelegen, zählt zweifelsohne zu jenen mediterranen „Traumplätzen“, auf denen der Urlaubsgolfer ein Utensil mindestens ebenso oft aus der Tasche zieht wie den Driver oder Putter: den Fotoapparat. Breite, dafür nicht übermäßig lange, von Olivenbäumen gesäumte, hügelan und hügelab verlaufende Fairways bieten fast pausenlos geradezu kitschig schöne Ausblicke auf die im Sonnenlicht blinkende Wasserfläche der Bucht von Navarino. 

Auch auf dem erst im Herbst 2011 eröffneten Bay Course wurden an die 5 000 Olivenbäume „transplantiert“. Für eine die Umgebung nicht belastende Bewässerung der Golfplätze sorgen zwei in nahen Schluchten angelegte riesige künstliche Reservoire, die das vor allem in den Wintermonaten aus den Bergen herabströmende Regenwasser auffangen. 

Captain Vassilis war es nur vergönnt, die Eröffnung seines ersten Hotels mitzuerleben und den Navarino Dunes Course noch selbst zu spielen. Als das Romanos und der traumhafte Bay Course eröffnet wurden, hatte er seinen Kampf gegen den verdammten Krebs schon verloren. „Der Bay Course ist aus der Erde und den Felsen des griechischen Bodens geschaffen, vergleichbar mit den Marmorskulpturen und Plastiken antiker Gottheiten“, hat sein Designer Robert Trent Jones jr. beim Grand Opening gesagt – und dem schönsten Golfplatz Griechenlands den Beinamen „Captain’s Course“ gegeben. Ehre, wem Ehre gebührt!

Wolfgang Weber

 

64 - Herbst 2015

Traumziel erreicht

Mit der neuen Wohnung im Szenebezirk Prenzlauer Berg nahe am Kollwitzplatz ist ein großes Problem gelöst. „Berlin ist so eine Traumstadt, da kündigen sich immer wieder Freunde, Verwandte, die Eltern oder Geschwister an, um mal zu kommen. Jetzt haben wir ein großes Zimmer mehr – da ist das Übernachten kein Problem mehr“, schildert Frida Tegstedt mit Blick auf das schöne Altbau-Zuhause in einer Gegend mit ungezählten Gaststätten, Kneipen und Cafés.

Und die Bekannten der beiden Füchse-Profis sind zahlreich. „Meine Eltern waren schon zu mehreren Spielen hier, meine Schwester auch“, fügt ihr Freund Jesper Nielsen hinzu. Seine Schwester hat früher genauso Handball gespielt wie Bruder und Schwester von Frida. Auch gegenseitig besuchen die beiden ihre Auftritte in den verschiedenen Berliner Hallen. Dabei ist es für Frida leichter, ihren zwei Meter großen Freund im überschaubaren Publikum der Füchse-Frauen zu sehen. „Bei den Männern ist das schwierig, aber Jesper muss immer wissen, wo ich sitze. Einmal hat er das nicht gleich mitgekriegt und im Spiel immer suchend auf die Ränge geschaut“, verrät Frida, die wie ihr Freund auf der Position in der Kreismitte spielt.

Ein Pärchen sind die 28 Jahre alte Göteborgerin und der zwei Jahre jüngere Hüne aus Norrköping schon seit acht Jahren. „Es hat gleich gefunkt“, erinnert sich Frida an das erste Treffen der beiden Nordländer mit den leuchtend blauen Augen bei den Junioren-Meisterschaften, als Jesper noch für HP Warta spielte und sie für IK Sävehof auflief, zu dem er danach wechselte. Das passierte aber nicht nur der Liebe wegen, der Göteborger Verein ist im schwedischen Handball das Maß aller Dinge, und Jesper Nielsen war mittlerweile ein begehrter Mann am Kreis. „Dabei war das früher gar nicht meine Position. Aber für den Rückraum war ich auf Dauer wohl zu langsam“, gibt der Blondschopf zu.

Nach vier erfolgreichen Jahren in Göteborg erreichte Nielsen der Lockruf von den Füchsen. „Das war ein Traum. Ich habe schon als kleiner Junge zu meinem Vater gesagt, dass ich einmal in der Bundesliga spielen werde.“ Damals allerdings noch unter anderen Voraussetzungen. Denn Jesper gehörte als Jugendlicher zu den besten Tischtennisspielern seines Landes und war in allen Altersklassen unter den Top 12. „Ja, das stimmt. Und da war Düsseldorf die Mannschaft, von der ich träumte. Aber dann bin ich für Tischtennis zu groß und zu schwer geworden. Der Traum von der Bundesliga blieb, nur ging er in Handball über.“

Das ist nicht verwunderlich, denn anfangs konnte sich Nielsen in der Heimat nicht vom Handball ernähren. Was auch an der Medienpräsenz liegt. „Da kommt erst Zlatan Ibrahimovic, dann Fußball, dann wieder Zlatan, dann Eishockey und dann nach dem Wintersport auch der Handball“, klagt Jesper. „Ich habe deshalb zu hundert Prozent gearbeitet, und erst nach Feierabend trainiert“, erinnert er sich an die Anfänge, als er in einer Reinigungsfirma angestellt war und zusätzlich noch ein Jahr als Betreuer in einer Kindereinrichtung jobbte. „Ich mag Kinder und kann gut mit ihnen“, sagt er und erntet einen Seitenblick seiner Freundin. „Nein, nein, nicht falsch vestehen. Wir haben damit noch Zeit. Jetzt steht der Handball an. Hochzeit, ja vielleicht, aber für die Kinder haben wir dann noch ein ganzes Leben Zeit“, wiegelt Frida ab. Während Jesper neben dem Handball rackerte, hat sie alle möglichen Sportarten ausprobiert. „Fußball, Tennis, Golf – ich habe mich in allem versucht. Doch seit ich 15 bin, spiele ich nur noch Handball. Anfangs im Tor, das wundert mich heute noch.“ Nebenbei hat Frida ihr Studium der Architektur abgeschlossen und ein Fernstudium der Literatur begonnen. Man muss ja auch an die Zeit nach dem Sport denken, wobei die Schwedin ihr erstes Jahr als Profi in Deutschland genoss. „Berlin ist so eine tolle Stadt, da habe ich immer was zu tun. Nicht nur Shoppen oder in eines der vielen Cafés gehen, auch die Stadt kennenlernen, Museen anschauen – das mag ich sehr.“

Und so genießen die beiden ihre Zweisamkeit in Deutschland, an der Jesper seit seinem Wechsel zu den Füchsen feilte. „Wir haben geschaut, wo Frida spielen könnte. Es kam aber nur erste Liga infrage wegen der Nationalmannschaft. Frankfurt hatte sich gerade finanziell abgemeldet, Leipzig war zu weit. Zum Glück sind die Füchsinnen aufgestiegen, das passte wunderbar“, schwärmt Jesper und nimmt seine Freundin in den Arm. Mit der deutschen Sprache freundeten sich beide schnell an. „Ich hatte das ja schon in der Schule, du ja auch“, nickt er Frida zu. „Aber ich glaube, ich war darin der Schlechteste an der ganzen Schule.“

Als sehr passend empfinden die beiden, dass in ihren Mannschaften weitere Schweden spielen. „Wir quatschen viel“, umschreibt Frida ihr Verhältnis zu Daniela Gustin, was im Verein finanziell folgenlos ist. Jesper hat hier so seine Probleme im Umgang mit den Landsleuten Fredrik Petersen und Mattias Zachrisson. „Es kommt vor, dass ich in die Kabine komme und einen der beiden als ers-
ten sehe. Da fange ich natürlich an, was auf Schwedisch zu sagen.“ Das aber ist bei der strengen Hierarchie im Team verboten – Amtssprache ist Deutsch. Und weil Kassenwart Silvio Heinevetter überall lauert, ist Jesper mehr Zehn-Euro-Scheine für diese Vergehen los, als ihm lieb ist.

Doch nicht nur mit den Landsleuten, mit der ganzen Mannschaft finden die Schweden guten Draht. „Man trifft sich ja als Sportler immer mal wieder“, wissen beide. So hat Jesper Nielsen schon in Sävehof ein Jahr mit Kent Robin Tönnesen das Göteborger Trikot getragen. Und weil er mit dem Norweger dort eine Fahrgemeinschaft bildete, setzt man das in Berlin fort. „Wir haben früher schon mal 50 Meter entfernt gewohnt, jetzt ist es nicht viel mehr. Das hat den Vorteil, dass Frida mit unserem Auto zum Training fahren kann. Ich habe dafür ja Taxi-Tönnesen, was der aber gar nicht gerne hört“, lacht Nielsen und räumt eine Sache aus der Welt, die sich für Schweden so hartnäckig hält wie die Symbiose zwischen Holländern und Campingwagen. „Dass ich manchmal zu IKEA gehe, nur um Köttbullar zu essen, ist Quatsch. Bei uns gibt es das manchmal, weil es schnell geht und trotzdem schmeckt. Aber süchtig nach diesen kleinen Hackfleischbällchen bin ich nun wirklich nicht.“ 

Hans-Christian Moritz

 

64 - Herbst 2015
Sport

Seismograf der Sinne

Er zählt zu den bekanntesten und begehrtesten Fotokalendern der Welt: The Cal, der Pirelli Kalender. Anfangs als originelles Geschenk für ausgesuchte Kunden und VIPs kreiert, entwickelte er sich schnell zum Kultobjekt. Die Idee war einfach: Die britische Tochter des italienischen Reifenherstellers Pirelli suchte nach einem Weg, sich von Konkurrenten abzusetzen und erfand den Kalender. 1964 wurde er erstmals an Kunden verteilt – umsonst.

Daran hat sich nichts geändert, der Kalender ist nicht käuflich und wird nach wie vor nur an ausgewählte Freunde des Unternehmens verschenkt. Inzwischen hat sich der Kalender zum begehrten Kultobjekt entwickelt, ist zum Inbegriff erotischer Fotografie geworden. Dabei scheiterte der erste Versuch der Produktion. Das Konzept des Fotografen Terence Donovan, Fotos von Models aus den zwölf Weltregionen, in die Pirelli exportierte, in einem Kalender 1963 erscheinen zu lassen, arrangiert mit den jeweils meistverkauften Produkten, wurde erst einmal nicht veröffentlicht. Denn die schönen Frauen wirkten ein wenig verloren vor den Gokarts, Rollern und Landmaschinen. Daher wurde der Mythos, wie wir ihn kennen, erst ein Jahr später geboren: Fotograf Robert Freeman verzichtete einfach auf jeglichen Produktbezug. Er setzte auf klassische Pin-up-Motive: Frau in weißem Bikini am Strand oder Frau mit treuherzigem Blick, eine Hand in der weit geöffneten Jeansbluse. 2014 feierte der Reifenhersteller ein rundes Jubiläum, inzwischen reflektiert The Cal den aktuellen Zeitgeist, die Mode und gesellschaftliche Strömungen seit 52 Jahren. Im Laufe seiner Geschichte präsentierte er die schönsten Models, darunter Alessandra Ambrosio, Gisele Bündchen, Naomi Campbell, Laetitia Casta, Cindy Crawford, Penélope Cruz, Milla Jovovich, Heidi Klum, Angela Lindvall, Sophia Loren und Kate Moss. Zu verdanken ist der Erfolg aber nicht nur den gutaussehenden Models und den exotischen Orten, an denen sie fotografiert wurden. Die kluge Auswahl an Fotografen spielt eine weitere große Rolle. Der Taschen-Verlag hat nun einen 576 Seiten starken Bildband herausgebracht, der Nachdrucke sämtlicher Kalender von 1964 bis 2014 enthält, fotografiert u. a. von Robert Freeman, Helmut Newton, Richard Avedon, Peter Beard, Patrick Demarchelier, Nick Knight, Karl Lagerfeld, Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin, Annie Leibovitz, Peter Lindbergh, Sarah Moon, Terry Richardson, Herb Ritts, Mario Sorrenti, Bert Stern, Mario Testino und Bruce Weber.

Als Bonus bieten sich dem Leser nie zuvor gezeigte Bilder, die während der Fotosessions entstanden, der unveröffentlichte Kalender von 1963 sowie eine Auswahl zensierter Bilder, die den Redakteuren zur damaligen Zeit zu gewagt erschienen. Der Band „Pirelli – Der Kalender. 50 Jahre und mehr“ wird so zu einer Zeitreise durch Epochen, Moden und Entwicklungen in der Fotografie. Und natürlich: Viele der Fotos sind so, wie man es sich vorstellt. Erotische Fotografie nach Schema F – Strand, mehr oder vorzugsweise weniger bekleidete Frauen. Dennoch ist diese Herausgabe ein Glücksfall. Denn einige Jahre bestechen durch Ästhetik oder kluge Konzepte.

Information:

Pirelli – Der Kalender. 50 Jahre und mehr, Philippe Daverio, Hardcover, 30 x 30 cm, 576 Seiten, € 49,99, ISBN 978-3-8365-5175-5, Mehrsprachige Ausgabe: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch 
Erhältlich ab September 2015 
www.taschen.com

64 - Herbst 2015

Hier putzt Chef mit

Das Berliner Dienstleistungsunternehmen 3B setzt Maßstäbe in Sachen Mitarbeiterführung und Karrierechancen.

Dass Facility-Management mehr bedeuten kann, als Putzkolonnen durch Mietskasernen zu schleusen, zeigt das Berliner Dienstleistungsunternehmen 3B. Das auch den Namen 1A tragen könnte, schaut man auf den Beliebtheitsgrad des Unternehmens oder die unterschiedlichen Preise und Auszeichnungen, die es eingeheimst hat. Aber Namensgeber sind nun mal die drei Benthins. Jörg Benthin hat das Unternehmen 1982 gegründet. Seit einem Jahr hat er sich komplett aus der Geschäftsführung zurückgezogen und diese an seine beiden Söhne Thorsten und Timo abgegeben. Dennoch kommt er noch regelmäßig ins Büro. Dazu hat er all die Jahre zu viel Herzblut hineingesteckt. 

So ist 3B zu dem Unternehmen geworden, das es heute ist. Was zu dritt begonnen hat, zählt inzwischen 3300 Mitarbeiter, die sich auf acht Gesellschaften verteilen. Die Firma reinigt täglich über 150 Hotels und mehr als 2000 Gebäude. Und setzt dabei auf Kontinuität. „Wir wollen unsere Mitarbeiter  das ganze Jahr über beschäftigen – trotz der zahlreichen saisonabhängigen Außentätigkeiten“, so Thorsten Benthin.

Aber es wird nicht nur geputzt, auch wenn dieser Bereich den Löwenanteil ausmacht. Neben der Gebäudereinigung samt Glas und Fassaden zählen zum Beispiel auch der Hotelservice, die Grünanlagen- und Baumpflege, der Hausmeisterservice oder die ambulante Hauskrankenpflege zum Unternehmen. Bereits im Jahr 1991 expandierte das Familienunternehmen nach Dresden, 1996 nach Leipzig. Seit Mai dieses Jahres ist der Dienstleister ISO-zertifiziert: „Damit dies gelang, musste einiges optimiert werden“, sagt Thorsten Benthin, „aber es hat sich gelohnt.“ Der Unternehmer und sein Bruder haben es geschafft, als bester Arbeitgeber Deutschlands in ihrer Branche ausgezeichnet zu werden, im Januar 2015 hat das Magazin Focus diesen Preis vergeben. Die beiden machen es ihren Mitarbeitern aber auch nicht schwer, sich mit ihrem Unternehmen zu identifizieren. Wo sonst kann man schon mit seinem Chef gemeinsam auf Reinigungstour gehen? Man muss nur ein ungerades Jubiläum erreichen, für das es auch noch andere Annehmlichkeiten gibt, und schon gilt das Motto: „Book the Boss“. Thorsten und Timo Benthin kennen die Tätigkeiten aber auch schon von der Pike an. Bereits als Schüler haben sie im väterlichen Unternehmen ihr Taschengeld aufgebessert. Darüber hinaus müssen alle angehenden Führungskräfte ein zweiwöchiges Praktikum als Reinigungskraft absolvieren, bevor sie ihren Dienst antreten. Der Vorgesetzte soll schließlich wissen, mit welchen Problemen sein Mitarbeiter womöglich zu kämpfen hat. Es gilt das Prinzip der offenen Türen, die beiden Chefs sind fast immer da und auch ansprechbar. 

Der Kontakt zu den Mitarbeitern ist den beiden Benthins sehr wichtig, was  in der Branche eher ungewöhlich ist. Es gibt etliche Anreize, die von Gesundheitswochen mit Ernährungsberatung und Nackenmassagen, Team-Events wie Bootstouren und gemeinsamen Laufgruppen reichen. Beim Sommerfest stehen die Chefs persönlich an der Zapfanlage und am Grill. Und der frischgeborene Nachwuchs wird gleich schon mit einem 3B-Baby-Strampler ausgestattet. 

Am interessantesten sind aber sicher die Aufstiegsmöglichkeiten. „Wer möchte, kommt bei uns weiter. Bei uns arbeiten Abteilungsleiter, die als ungelernte Reinigungkräfte angefangen haben“, so Thorsten Benthin. Interne und externe Seminare machen diese Karriereentwicklung möglich. Somit ist die Fluktuation der Mitarbeiter sehr gering. Selbst bei Sponsoringkampagnen werden die Mitarbeiter mit einbezogen. Ebenso werden von Angestellten vorgeschlagene soziale Projekte umgesetzt, so dass schon ein Kinderbauernhof ein neues Dach für den Pferdestall bekommen hat und Schulen mit neuen Vorhängen ausgestattet wurden, um den Klassenraum verdunkeln zu können.

Annette Kraß 

 

 

64 - Herbst 2015

Herz für den Sport

Klaus-Jürgen Jahn ist ein tüchtiger Unternehmer vom alten Schlag. Jetzt, mit 80, will er endlich mal kürzertreten.

Am 9. November könnten die Handballerinnen des MTV Altlandsberg wie gewohnt in der heimischen Erlengrundhalle trainieren. Zu seinem 80. Geburtstag wird Klaus-Jürgen Jahn die Arena nicht wieder für eine zünftige Feier mieten wie fünf Jahre zuvor. „Nein, nein, ich will endlich etwas kürzertreten. Wir werden das diesmal im kleinen Rahmen machen“, winkt der Berliner ab.

Das mit dem Kürzertreten nimmt sich der Geschäftsmann seit Jahren vor, um mehr Zeit für Hobbys zu haben. „Sie sehen ja, wie mir das gelingt“, erklärt er lachend, und alle Mitarbeiter wissen, dass „der Chef“ nahezu täglich in der Firmenzentrale in Reinickendorf nach dem Rechten schaut. Auch als Hauptsponsor der MTV-Handballerinnen hatte sich der „Pensionär“ im Frühjahr verabschiedet, um natürlich trotzdem jedes Heimspiel der 3. Bundesliga zu besuchen und dem Verein weiterhin mit seinen Ideen unter die Arme zu greifen.

Vom Sport kommt der Ur-Berliner ohnehin nicht los, obwohl er selbst dazu kam „wie die Jungfrau zum Kinde“, wie er rückblickend zugibt. Als er mit seinem Spezialunternehmen für Baudichtstoffe 1980 als Sponsor beim Berliner Schlittschuhclub einstieg, wurde er unversehens gleich noch für drei Jahre zum Schatzmeister des Bundesligisten gewählt. „Das war schon eine interessante Zeit“, denkt er zurück und erklärt mit einem Lächeln: „Und lustig war´s. Ich habe in meiner Firma Eishockeyspieler angestellt.“ Unter den heutigen Profi-Bedingungen absolut undenkbar, war solch eine Praxis im Berlin der 80er-Jahre durchaus üblich. Und weil Eishockey seinerzeit schon eine ausgesprochen populäre Sportart war, rissen sich die Firmen um die Halbprofis wie den populären Nationalspieler Lorenz Funk auf den Baustellen. „Alle wollten die Sportler haben. Deshalb hieß das für sie: zwei Stunden Training am Tag, danach Fugen abdichten, Bänder kleben – was eben so gemacht wurde auf unseren Baustellen.“ Der Kontakt zum Verein kam durch einen Zufall zustande. „Um drei Ecken“, erklärt Jahn: „Eine Cousine von Lorenz Funk war als Hausangestellte bei einer befreundeten Familie von Jahn beschäftigt.“ Von da ab hat den Baufachmann und Unternehmer der Sport nicht mehr losgelassen. Nur die Sportarten wurden zahlreicher. Mit dem Ende der DDR sah sich Klaus-Jürgen Jahn plötzlich von Eisschnellläufern umringt, die – angeführt von Trainer Joachim Franke – seinen Rat zur Gründung eines neuen Vereins nutzen wollten. Also zog er mit Monique Garbrecht, Claudia Pechstein, Olaf Zinke & Co durch die Eisbahnen, und die Cracks trugen den Schriftzug seiner Firma EUROTEAM auf dem Oberschenkel. Viele von ihnen stellte er in seiner mittlerweile in Altlandsberg beheimateten Firma an. „Sportler sind ehrgeizig, pünktlich, fleißig – ich arbeite sehr gern mit ihnen zusammen.“ Und weil die Kufenflitzer nun doch erst einmal bei ihrem Verein SC Berlin blieben und nur das „Dynamo“ aus dem Namen strichen, wurde Jahn Präsident des Sportclubs und ist heute noch dessen Ehrenpräsident.

„Es war einfach eine spannende Zeit, die ich in meinem Leben nicht missen möchte.“ 

In Berlin-Reinickendorf reichte die Gewerbeimmobilie nicht mehr aus. Mit seinem drei Jahre jüngerem Bruder Wolfram suchten die Jahns kurz nach der deutschen Wiedervereinigung nach einem Grundstück in Brandenburg. In Altlandsberg wurden die Gebrüder fündig. Die Stimmen der Brandenburger, die die Chemie-Firma aus Berlin nicht in ihrer Stadt haben wollten, verstummten schnell, als Jahn ihnen sein sauberes Produktionsunternehmen vorstellte, das in Reinickendorf direkt neben einem Wohngebiet angesiedelt ist.

Mit dem Wechsel hinter die Berliner Stadtgrenze wandelte sich auch wieder einmal die Sportart im Schlepptau des Unternehmers. Die uneingeschränkte Nummer 1 in Altlandsberg ist der Männer-Turn-Verein von 1860, kurz MTV genannt. Der lässt auch Frauen mitmachen und präsentiert die sogar einst in der 2. Bundesliga spielenden Handballerinnen als Aushängeschild. Also sponserte Jahn nun diese Mannschaft und, wie kann es anders sein, auch heute noch, spielt die 1. Damenmannschaft mit dem Logo „Sport gegen Gewalt e.V.“ auf den Trikots.

„Für den Radsport hatten die Altlandsberger leider kein Faible“, bedauert Klaus-Jürgen Jahn, denn an dem hatte er den größten Narren gefressen. „Bestimmt Robert Bartko“, überlegt der Unternehmer nur kurz auf die Frage nach seinem Liebling unter den zahlreichen Sportgrößen. Dass der Doppel-Olympiasieger von Sydney heute eine hohe Position im Eisschnelllauf bekleidet, rundet die Sache zwar irgendwie ab, ist aber ausnahmsweise ohne Zutun von Klaus-Jürgen Jahn geschehen. „Ich war aber bei Roberts Anfängen dabei“, verweist er auf die Jahre vor dem großen Triumph auf dem fünften Kontinent. 1998 hatte er sich auf der Suche nach weiteren Sponsoren für seinen Verein in Altlandsberg, den er lange als 1. Vorsitzender geführt hatte und dem er heute als Ehrenpräsident verbunden ist, ausschließlich Absagen eingehandelt. „Da kam mir eine wirklich zündende Idee“, freut sich Jahn noch heute über den Clou, eine Initiative „Sport gegen Gewalt“ aufzumachen. Das klang zukunftsfähig, und plötzlich wollten zahlreiche größere und kleinere Unternehmen mittun bei einer Sache, die Jugend von der Straße holen und in Sportvereinen unterbringen konnte. „Die Statistik half mir. In Altlandsberg sank die Jugendkriminalität gegen null, und auch das Umland profitierte“, erwähnt er stolz und sagt wie nebenbei, dass er über diese inzwischen zum eingetragenen Verein umgewandelte Initiative jährlich eine ansehliche Summe rekrutiert und dem Sport, besonders natürlich seinem MTV und seinem zweiten Herzenskind, dem Berliner Sechstagerennen, zuführt. Mit dem zum Sportdirektor der Eisschnellläufer aufgestiegenen Robert Bartko ist Klaus-Jürgen Jahn auch heute noch ein Herz und eine Seele, Altlandsberg machte den Unternehmer zum Ehrenbürger, beim Sechstagerennen hat er mit großem Engagement und gegen langen Widerstand der Organisatoren sowohl die Frauen als auch seine geliebten Jugendrennen sogar ins Hauptprogramm des Abends geführt.

„Das mache ich weiter“, verweist Jahn auf „Sport gegen Gewalt“. Firmen motivieren, Leute ansprechen. Deswegen lässt er nach Möglichkeit keinen Renntag auf der Galoppbahn Hoppegarten aus. „Da treffe ich sie doch alle. Und viele hören nicht nur interessiert zu, sondern machen dann mit bei Sport gegen Gewalt.“ Die Kunden honorieren mehr und mehr seine Aktivitäten für den Sport. Vom operativen Geschäft seines Unternehmens will er sich zurückziehen. „Naja, ich hab´s wieder mal vor.“ Um mehr Zeit zum Golfspielen zu haben. Und, wenn die Probleme mit der Bandscheibe behoben sind, vielleicht auch wieder zum Tennis und Skifahren.

Hans-Christian Moritz

 

64 - Herbst 2015