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Berlin braucht einen Masterplan

Georg Gewers und Henry Pudewill gründeten 2008 in Berlin ihr Architekturbüro. Beide Partner waren zuvor in renommierten Büros mit internationalen Aufträgen beschäftigt und haben an richtungsweisenden Projekten mitgewirkt wie Gläserne Manufaktur Dresden, VW Autostadt Wolfsburg oder Marstallplatz München. In Berlin haben sie Büro- und Wohnbauten errichtet sowie für den Großflughafen BER vier Gebäude für die Sicherheits- und Bodenverkehrsdienste. Wir sprachen mit den Architekten über die Schwächen und Chancen der deutschen Hauptstadt.

In Berlin hat sich in den letzten zehn Jahren viel getan. Besonders im Osten der Stadt ist viel neuer Wohnraum entstanden. Und es wird weiterhin gebaut, weil es immer mehr Menschen in die Städte zieht. Denken Sie, dass Berlin auf den Wachstumskurs richtig vorbereitet ist?

Gewers: Berlin ist eine atypische Großstadt ohne richtiges Zentrum, es gibt die City West, die City Ost und mittendrin den Potsdamer Platz sowie viele kleine ehemalige Dorfanger, die jetzt die Mittelpunkte der Bezirke mit eigener autarker Struktur bilden. Entsprechend heterogen passiert auch das Wachstum, es gibt keinen Masterplan, wie und wo Wachstum passieren soll und nachhaltig zur Stadtentwicklung beiträgt. Es gibt ein Konglomerat aus Flächennutzungsplänen und Bebauungsplänen, die teilweise noch die autofreundliche Stadt der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts mit Stadtautobahnen zur Grundlage haben. Solche Planungsgrundlagen müsste man proaktiv in die Gegenwart mit den neuen Anforderungen und Rahmenbedingungen überführen, um sich auf Veränderungen vorzubereiten. Berlin ist auf dieses Wachstum nicht vorbereitet, weder inhaltlich noch strukturell.

Alle finden Berlin toll. Woher kommt das gute Image?

Pudewill: Die Heterogenität erzeugt auch Freiräume und eine Vielfalt, die es ermöglicht, für jedes Lebensmodell den richtigen Ort zu finden. Sie können mondän in Dahlem leben und abends im Szenebezirk Kreuzberg durch die Klubs ziehen. Das alltägliche Berlin ist von der Grundeinstellung her tolerant und das empfinden viele Menschen auch als Lebensqualität. Nicht zuletzt ist Berlin die einzige Stadt in Deutschland, die in die Nähe dessen kommt, was man international unter dem Begriff Metropole versteht.

Als Architekten kritisieren Sie, dass kein klares und ganzheitliches Leitbild für Berlin existiert. Warum ist es so und was wäre der Ansatz für ein solches?

Gewers: Es gibt unzählige interessengesteuerte Verteilungsdiskussionen, sei es Wohnen, Verkehr, alles tritt gegeneinander an: Eigentum gegen Miete, Fahrrad gegen Auto, Gewerbe gegen Wohnen. Dabei müssten all diese notwendigen Bestandteile einer „Metropole“ mit einem Masterplan zueinander in Beziehung gebracht werden und mit Leitbildern verständlich kommuniziert werden. Das genau passiert aber nicht, man wurstelt sich so von Problem zu Problem und vergisst das große Ganze. Wir Menschen denken in Bildern, da ist es besonders wichtig, dass große Themen wie die mittel- und langfristige Entwicklung der Hauptstadt auch in einem den Menschen vermittelbaren Leitbild formuliert werden kann.

Sie sagen, Berlin ist immer ganz vorn, wenn es um große Ankündigungen geht und wird dann ganz schnell von anderen Großstädten in den Schatten gestellt. Also, große Klappe, nichts dahinter?

Pudewill: So hart würden wir das nicht formulieren, auch wenn das ja der sagenumwobenen „Berliner Schnauze“ entsprechen würde. Um aber ein paar konkrete Beispiele zu nennen: Was ist aus den Themen Elektropolis und Nachhaltigkeit geworden – Oslo hat uns hier um Lichtjahre abgehängt und plant ganze Stadtteile unter den Gesichtspunkten – in Berlin gibt es nach wie vor keine belastbare Infrastruktur oder Regeln für den Umgang mit Elektromobilität. Berlin war vor 100 Jahren bereits einmal „Elektropolis“ – Taxis und Lieferwagen von Berliner Herstellern wie Bergmann fuhren elektrisch. Derzeit aber gibt es noch nicht einmal ein Konzept, wie z. B. Leihfahrräder im öffentlichen Stadtraum stattfinden. Wo ist der große Masterplan, der alles integrativ kombiniert und nicht immer alles gegeneinander ausspielt? Dazu gehören Themen wie Fahrrad gegen Auto, Lösung der rasant zunehmenden Lieferdienste gegen Busspuren, die in Oslo beispielsweise auch durch Elek­trofahrzeuge genutzt werden dürfen, Anbindung des Umlands für die Pendler durch leistungsfähige Regionalanbindungen, ICE-Anbindung des Berliner Flughafens, Berliner Stadtentwicklung durch den lange angekündigten Hochhausentwicklungsplan …

Was sind die Schwachpunkte?

Gewers: Es gibt keine Vision und kein Leitbild, Berlin verhält sich extrem passiv, nimmt Entwicklungen als selbstverständlich hin und reagiert immer nur – auf Druck. Die immer wieder als Herausforderung artikulierte Zuwanderung entspricht eigentlich einem Bevölkerungswachstum von lediglich ca. 1 Prozent pro Jahr. Das sollte eine Metropole verkraften und leisten können. Man hat aber in der öffentlichen und politischen Diskussion den Eindruck, Berlin befinde sich permanent am Rande der Handlungsfähigkeit. Berlin hatte in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts schon viel mehr Einwohner (am 31.12.1929 waren es 4,33 Mio. Einwohner, am 31.12.2016 lediglich 3,6 Mio. Einwohner) und das auf nahezu gleicher Fläche. Dazu war Berlin auch noch die größte Industriestadt des Kontinents – auch das ist Vergangenheit. Geblieben sind die Industriebrachen. Das könnte man auch als Chance begreifen und eine Stadt mit einem ganzheitlichen Masterplan in die Zukunft führen. Man fragt sich, warum aus diesem extremen Wandel nicht auch ein Leitbild entwickelt wurde, das für viele Städte eine Vorbildwirkung haben könnte.

Berlin wird ja immer gern in einer Riege mit London, Paris und New York genannt. Passt Berlin da rein, kann man von Augenhöhe sprechen?

Pudewill: Berlin kokettiert immer gern damit und war auch tatsächlich 1920 nach New York und London die drittgrößte Stadt der Welt. Um tatsächlich aber auf Augenhöhe mit diesen Metropolen wahrgenommen zu werden, bedarf es noch mehr Substanz und Mut zur Zukunft. Mehr Offenheit zu den Themen Verdichtung, Hochhäuser, vielschichtige Urbanität, nicht nur Klientelpolitik und Abgrenzung. Auch das sensible Thema Eigentum gegen Miete, das in Berlin regelmäßig zu ideologischen Grabenkämpfen führt, haben Städte wie beispielsweise Singapur souverän gelöst, indem der Staat die Rolle eines Projektentwicklers übernommen hat und den Menschen preiswerten Wohnraum als Eigentum zur Verfügung stellt. Eigentum per se ist nichts Schlechtes sondern schafft Verantwortung und Identifikation – alles Werte, die eine Metropole gut gebrauchen kann.

Wo steht Berlin in zehn oder 20 Jahren?

Gewers: Momentan beschreitet Berlin keinen eigenen Weg, sondern entwickelt sich den Marktgegebenheiten hinterher. Wenn die Stadt in einigen Jahren für die Startup-Szene unattraktiv werden sollte, hat Berlin kein Konzept. Berlin hat keine DAX-Unternehmen, keine Automobil- oder Pharmaindustrie, kein Bankenviertel. Positive Entwicklungen sind nicht selbstverständlich. Umso mehr sollte sich die Stadt gemeinsam auf ihre Stärken und ihre Wahrnehmung besinnen. Wenn all dies in einem Masterplan mit Leitbildern für die Stadt formuliert werden könnte, dann gäbe es darin auch Konzepte für Elektromobilität, für Nachhaltigkeit, ein Museum der Moderne, eine Zentralbibliothek, einen Flughafen, Technologieparks, sozialen Eigentumswohnungsbau, Bildung und vieles andere mehr. Dann müssten wir uns um die Zukunft Berlins in zehn, 20 oder 30 Jahren keine Sorgen machen. Wie der Delphi-Bericht schon richtig anmerkt: „Zukunft fällt nicht vom Himmel, sondern muss aktiv gestaltet werden.“ Vielleicht braucht Berlin auch einen Delphi-Bericht oder einen Club of Rome, um zu wissen, wohin die Reise gehen soll, wir würden solch eine „road map“ sehr begrüßen.

Danke für das Interview.

Ina Hegenberger

 

76 – Herbst 2018

„Wer das beste Bild bietet, soll bauen!“

Zum Auftakt der Grabungen und des Baubeginns hat der Verein Forum Stadtbild Berlin e. V. im Oktober in der Parochialkirche in einer Ausstellung die Geschichte und Planungsgeschichte des Projektgebietes gezeigt. Sie war der Auftakt für eine öffentliche Debatte um die Reurbanisierung der Berliner Mitte. Wir sprachen mit Hans-Karl Krüger aus dem Vereinsvorstand.

Herr Krüger, wie wünschen Sie sich die Zukunft am Molkenmarkt?

Man sollte versuchen, ein möglichst lebendiges Quartier hinzukriegen. Da soll was passieren. Da soll Leben ins Erdgeschoss reinkommen. Wir plädieren dafür, dass der Molkenmarkt als Platz in irgendeiner Form wieder in Erscheinung tritt. Und dass die Fußgänger sich von einem Quartier in das andere bewegen können und nicht das Gefühl haben, sie gingen über eine Autobahn.
Was ist die Aufgabe Ihres Vereins?

Wir kommen mit Bildern und zeigen Visionen von Stadt, wie sie sein könnte. Wer das beste Bild bietet, soll auch bauen. Wir wollen weg von den Kuben und hin zu städtischen Parzellierungen. Sie sollen ihr eigenes Gepräge haben.

Wann ist Architektur gelungen?

Wenn sie Unterschiedlichkeiten herausstellt. Uns geht es darum, dass man die Rasterarchitektur mal ein bisschen auflöst und fragt, was kann man denn sonst noch machen? Die Leute suchen nach einem Zuhause, von dem sie nicht nur sagen können: Ich verschwinde in einem Loch. Sie wollen sagen können: Das ist mein Eingang. Das ist mein Haus.

Was beurteilen Sie den Neubau des Motel One an der Grunerstraße?

Man kann Hotels anders gestalten. Man muss nur den Mut haben und sagen: Lieber Bauherr, mach mal! Das ist der Ansatz, den wir geben wollen. Wir haben mit den Berliner Wohnungsbaugesellschaften am Molkenmarkt Gesprächspartner, mit denen man vielleicht besser reden kann als mit einem privaten Investor. Bauträger sagen oft: Ich muss bloß sehen, was beim Verkauf zu erzielen ist und die Fassade muss nur zweckmäßig sein, aber nicht schön, mehr nicht.

Es gibt einen Bebauungsplan. Wie verhalten sich Ihre Stadtbilder dazu?

Wir konterkarieren die Planung nicht. Wir nehmen die Grundstruktur bewusst auf und wollen die Möglichkeiten aufzeigen. Wir wollen eine offene, öffentliche Diskussion anstoßen.

An welche Möglichkeiten denken Sie dabei?

Wir versuchen, dem Senat Steuerungsanregungen zu geben für einen qualitätvolleren Umgang mit dem, was man hier bauen will. Dazu gehört auch das Gewerbe, nicht bloß das Wohnen, nicht bloß die Fassade. Man muss auch über sozialverträgliche Gewerbemieten reden, über Gewerbe, das mehr auf Kultur ausgerichtet ist. In die Alte Münze zieht das House of Jazz.

Das Gespräch führte André Franke.

 

76 – Herbst 2018

Handwerk hat Zukunft

Der Abendbrottisch ist ein klassisches Gesprächsforum der Familie. Das war es auch immer bei den Frankensteins, die während vieler gemeinsamer Abendessen ihr Unternehmen auf den Weg gebracht haben.

Heizungstechnik für alle Energiearten und Sanitäranlagen sind die Geschäftsfelder von „mf Mercedöl“. Zwei Bereiche, die sich im Laufe der letzten Jahre vor allem aufgrund eines neuen Umweltbewusstseins und durch moderne Technologien rasant verändert haben. Alles begann 1962, als die Gründer der Firma, Karlheinz Frankenstein und seine Frau Karla, beide damals Anfang 20, am Abendbrottisch über ihre Zukunft nachdachten. Sie spezialisierten sich darauf, Öfen in Bäckereien, die mit Kohle beheizt wurden, auf sauberes Öl umzustellen. Damals wurden Ölbrenner der Marke Mercedes verbaut – daher der Name „Mercedöl“, und der Zusatz „mf“ steht für Matthias und Mark Frankenstein, Sohn und Enkel des Firmengründers. Beide stiegen in den späten 1980ern bzw. 2017 in die Firma ein. Auch Dorothee Frankenstein arbeitet mit im Betrieb und Brita Frankenstein hilft extern.

Sie berichtet, dass es stets eine Familienzusammenkunft war, bei der sich die Familie über Generationen mit den Problemen und Erfolgen der Firma befasste. So viele Familienmitglieder unter einem Dach könnten als ein sicheres Indiz für gutes Klima gedeutet werden. Auch sind schon viele Mitarbeiter in der in der zweiten und dritten Generation dabei. Der Nachwuchs liegt dem Unternehmen am Herzen: In fünf Berufen wird ausgebildet und 26 Lehrlinge gibt es derzeit. Allein der Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik ist hochkomplex und vereinigt mehrere angestammte Berufe. Die Anforderungen werden immer anspruchsvoller. Und er zählt zu jenen Handwerksberufen, die dringend Nachwuchs benötigen, aber nicht eben ganz oben auf der Berufswunschliste stehen. Ein Heizungsmonteur muss rund um die Uhr verfügbar sein – für Schulabgänger ein weinig reizvoller Gedanke. Das Unternehmen Mercedöl steuert offensiv dagegen. Schon bei der Auswahl der Auszubildenden gelten andere Kriterien als üblich. Ein schlechtes Zeugnis – kein Grund zur Ablehnung des Bewerbers. Die Verantwortlichen verlassen sich auf „ihr Bauchgefühl“ bei der Auswahl, wenn sie „ein Feuer brennen“ sehen. Wer in der Ausbildung mehr Hilfe benötigt, bekommt sie auch. Anreize werden geschaffen, wie ein Azubi-Bonus. Und wer mit 1 besteht, dem spendiert der Chef eine Flugreise übers Wochenende.

Circa drei Viertel der Azubis bietet der Betrieb einen Arbeitsplatz im Unternehmen, die anderen Gesellen sind in der Branche hochbegehrt, weil der Betrieb einen sehr guten Ruf hat. 2006 erhielt Mercedöl die „Franz-von-Mendelssohn“-Medaille von der IHK und der Handwerkskammer für herausragendes gesellschaftliches Engagement.

Mit dem Preisgeld hat Firmenchef Matthias Frankenstein den „Eventus-Preis“ ins Leben gerufen. Er bietet damit den besten Azubis eines Abschlussjahrgangs im Beruf des Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnikers die Chance, ein komplettes Meisterstudium zu absolvieren. Die 8 000 Euro, die so eine Qualifizierung kostet, bringt er mit Hilfe von Partnern und Sponsoren auf.

Frankenstein ist fest davon überzeugt: Handwerk hat Zukunft. Und deshalb setzt er sich mit viel Engagement für junge Leute ein.
Denn Handwerk ist längst nicht mehr nur Hammer und Schraubenschlüssel. Der Handwerker heute hantiert mit Handy und Laptop, vielleicht manchmal auch noch mit dem Hammer, und ist gut vernetzt – auch mit der Heizung, die er einst eingebaut hat.

Heute sind die Techniker mit dem Mobilen Monteur vor Ort und erledigen die Aufträge papierlos. Die automatische Störaufschaltung erkennt das Problem der Heizung schon, bevor es sich bemerkbar macht. Man muss mit der Entwicklung Schritt halten können. Tauschte Mercedöl zu Anfang ihrer Existenz noch Kohle gegen Öl, bestimmten ab 2010, da die Energiewende energisch vorangetrieben wurde, Wind, Wasser und Sonne unsere Stromgewinnung und deren Weiterverarbeitung. Ging es vor einem halben Jahrhundert um ein Objekt, wird heute ein ganzes System bearbeitet. Ein Beispiel solch einer komplexen Lösung mittels regenerativer Energie: In Wohnhäusern wird mittels Sole-Wasser-Wärmepumpen Wärme über die Fußbodenheizung übertragen. Außerdem wird die Raumlüftung kontrolliert und auf dem Dach noch Photovoltaik installiert. Oder mittels Großflächenkollektoren wird die Heizung betrieben und das Trinkwasser erwärmt.

Anspruchsvolle und interessante Projekte, über die die Familie heute wie damals am Abendbrottisch diskutiert. Und bei aller technischen Entwicklung, sind die charmanten Konstanten ein wichtiger Teil der Unternehmenskultur.

Martina Krüger

 

76 – Herbst 2018

Mammutprojekt Molkenmarkt

Zwischen Mühlendamm und Alexanderplatz verändert sich Berlin in den nächsten Jahren radikal. Die Grunerstraße verliert ihren mächtigen Stadtraum und führt, zweier Fahrspuren beraubt, in der Zukunft direkt hinterm Berliner Rathaus vorbei. Durch die Verschwenkung nach Norden entsteht neues Bauland, groß wie vier Fußballfelder. Auf ihnen errichtet die Stadt dreieinhalb Berliner Blöcke mit Wohnungen, Geschäften und Innenhöfen. Bauwerke, die an dieser Stelle zu DDR-Zeiten von den Verkehrsplanern abgerissen wurden. Ebenso der  Molkenmarkt, der für das Städtebauprojekt den Namen gibt.

Berlins ältester Marktplatz liegt unter Asphalt, irgendwo zwischen Rathaus, Nikolaiviertel, Alter Münze und Altem Stadthaus. Ursprünglich dreieckig, kommt er in halbrunder Form in den Stadtgrundriss zurück
 
Der Molkenmarkt ist eine Mammutaufgabe. Das zeigt schon der Umfang der Grabungen, die im Vorfeld stattfinden. Wir werden Zeugen des bislang größten Ausgrabungsprojekts im mittelalterlichen Stadtkern von Berlin-Cölln. Michael Malliaris, der es leitet, beziffert die Grabungsfläche mit 25 000 Quadratmetern. Sie sei damit größer als die am Schlossplatz, wo vor Jahren die Reste des alten Dominikanerklosters dokumentiert wurden. „Beim Molkenmarkt geht es jetzt vor allem um bürgerliches Wohnen und Arbeiten durch die Zeiten“, sagt Malliaris. Bei den Ausgrabungen an Rathaus und Petriplatz ging es in der Vergangenheit eher um Themen wie: repräsentative Bauten der Bürgerschaft und Sakralarchitektur. Um Kirchen, weiß der Archäologe aber, kommt er auch bei diesem Projekt nicht vorbei. Da warten die Spuren des Franziskanerklosters und der Französischen Klosterkirche schon. Malliaris plant mit Grabungen bis 2023. Vor dem Alten Stadthaus beginnen sie 2019, und am Mühlendamm entsteht eine Referenzfläche noch in diesem Jahr.

Mit dem Start der Ausgrabungen geht eine 15-jährige Planungsgeschichte zu Ende. 2003 aufgestellt, ruhte der Bebauungsplan 1-14 Molkenmarkt/Klosterviertel jahrelang, bis ihn das Abgeordnetenhaus im Mai 2016 endlich beschloss. Erste Workshops wurden mit Architekten schon zu Zeiten von Senatsbaudirektor Hans Stimmann gemacht. Es gab Konzepte, die durchzogen das Klosterviertel mit einem ausgeklügelten System von Höfen. Darunter auch der Französische Hof, wo die achteckige Kirche der Hugenotten stand. Dieses Oktogon hat als Form sogar Eingang in den B-Plan gefunden. „Nur weiß niemand: Was ist das eigentlich?“, sagt Landschaftsarchitektin Christina Kautz. Sie hat in einem Ausstellungsbeitrag für „Molkenmarkt und Klosterviertel – Ein lebenswerter Ort?“, die im Oktober in der Parochialkirche zu sehen war, die Geschichte des Ortes recherchiert. Das Achteck ist der Sockel der verschwundenen Französischen Klosterkirche. Kautz schlägt vor, aus dem nun neu entstehenden Hof eine Freiluftbibliothek zu machen. Holzpodeste mit Sitzhöhe könnten von außen bestückt werden, Bücher im offenen Austausch unter freiem Himmel die Leser wechseln. Die Aufgabe der Bildung, so Kautz, sei den Hugenotten ein ganz großes Anliegen gewesen. Und das Klosterviertel selbst bezeichnet sie als eine „Hochkultur innerhalb des Berliner Stadtkerns“. Möge die Berliner Planungs- und Baukultur dieser beim Molkenmarktprojekt in nichts nachstehen.

André Franke

 

76 – Herbst 2018
Stadt

Der Mercedes Platz ist eröffnet

Rocksänger Jack White gab das Eröffnungskonzert in der Verti Music Hall mit Platz für 4 350 Besucher. Berliner und Touristen strömten über den neuen Stadtplatz. Mitte Oktober feierte die Anschutz Entertainment Group (AEG) die Eröffnung ihres neuen Quartiers an der Mercedes-Benz Arena. Es kamen 18 000 Menschen, sagt Moritz Hillebrand von der AEG. Außer der Music Hall gibt es am Mercedes Platz ein Bowling-Center, zwei Hotels, ein Premierenkino, vier Restaurants und mehrere Bars. Damit bekommt schließlich auch die Arena, die vor genau zehn Jahren eingeweiht wurde, einen ihrer Monumentalität angemessenen Zugang.

Dieses „Herz“ (Hillebrand) bildet aber nur einen Teil des riesigen Areals zwischen Postbahnhof und Warschauer Brücke, in dem es stellenweise hoch hinaus geht. In der Nähe des Bahnhofs entstehen gerade zwei Wohnhochhäuser, ehemals namens Max und Moritz, beide bald um die 90 Meter hoch. Seit dem Eigentümerwechsel letztes Jahr werden die Bauten unter dem Namen „Upside Berlin“ vermarktet.
Eine ähnliche Höhe erreicht auf der anderen Seite des Platzes, an der East Side Mall, auch der geplante „Stream-Tower“. Internethändler Zalando hat schon Büros im Nachbarblock des Mercedes Platzes und soll im Tower Hauptmieter werden. Für den mit viel Glas entworfenen Bau hat im Oktober das Baukollegium von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher grünes Licht gegeben. Noch ein viertes Hochhaus ist im Bau: der East Side Tower. Er entsteht zwischen Mall und Warschauer Brücke, wächst 140 Meter hoch! Lüschers Qualitätsgremium hat das Projekt von OVG Real Estate, realisiert durch die dänischen Architekten von Bjarke Ingels Group, bereits zweimal abgekanzelt. Der East Side Tower solle sich mehr in den Kiez öffnen, heißt es. So soll nach neuestem Stand in den Sockel des 400-Millionen-Euro-Projektes schon mal eine Fahrradwerkstatt einziehen.

Hauptprofiteur des nun schlagenden Herzens, des Mercedes Platzes, ist die East Side Gallery. Sie steht nicht mehr alleine da.

Der neue Stadtplatz, der aus der Entfernung eher wie eine breite Straße wirkt, verbindet das Mauerdenkmal mit Berlins neuem Vergnügungsviertel nach amerikanischem Vorbild. Bald, wenn auch die restlichen Gebäude, inklusive der Towers, fertiggestellt sind, arbeiten an der Mühlenstraße 20 000 Menschen. Und vermutlich noch mehr werden den Ort besuchen. Das wird auch die East Side Gallery noch mehr Aufmerksamkeit bringen.

„Mit dem Mercedes Platz ist ein neuer Ort entstanden, an dem Menschen zusammenkommen, ihre Freizeit genießen und sich austauschen können“, sagte Carsten Oder (Mercedes-Benz Cars Vertrieb Deutschland) bei der Eröffnung. Und „Mercedes-Benz ist als einer der größten Arbeitgeber in Berlin seit 100 Jahren eng mit der Stadt verbunden.“

 

76 – Herbst 2018
Stadt

Bodenhaftung: Ruheinseln, Laufstrecken, Designte Fakes

„Ups!“, denkt sehr wahrscheinlich der Besucher eines Designerhotels in Trier, wenn er den ersten Schritt aus dem Fahrstuhl hinaus in den atriumhellen Flur macht. Das Kopfsteinpflaster ist nicht so holprig wie gewohnt. Es gibt nach unter den Füßen. Schön weich. Es ist eine charmante Illusion, ein perfekter Fotoprint auf einem textilen Bodenbelag und erinnert an den historischen Ort. Das Spiel mit irritierenden Sinneswahrnehmungen und haptischen Erlebnissen hatte die Schweizer Dada-Künstlerin Meret Oppenheimer mit ihrer berühmten Pelztasse “Déjeneur en fourrure“ ja quasi schon vorweggenommen.

Die Vortäuschung von Material und Raum wiederum erfreute sich bereits in der Renaissance großer Beliebtheit. Trompe-l’œil-Malerei auf Wänden oder Böden dient einer suggestiven Wahrnehmung und gilt ob der inszenierten Perspektiven als Interieurraffinesse.

Dank neuer Scann- und Printtechnologien bzw. digitalisierter Webverfahren, können nun Textilböden Strand vortäuschen, sie können wie Granit oder Marmor anmuten. Auch ein „Rasen“ ließe sich ausbreiten. Edler sind geometrische Suggestionen. Neue Raumgefühle entstehen dort, wo sich beispielsweise abstrakte dreidimensionale Rhomben an Boden und Wand gleichermaßen ausbreiten.

Aber nicht nur das: Die Berliner Künstlerin Amélie Grözinger legt auf das marode Fischgrätparkett des Schlossbodens im märkischen Lieberose anlässlich einer Sommerkunstschau trittfeste Spiegelfolie. Der Boden unter den Füßen erreicht eine schwindelerregende Tiefe. Die Bodenhaftung scheint verloren. Schwanken und schweben statt stehen und gehen. Dabei sind Aspekte wie Sicherheit, Halt, Orientierung, Stabilität, Tritt- und Gehschalldämmung, Wärme- oder Kühlespeicherung sowie die Reinigungsfähigkeit wesentliche Faktoren für die Herstellung und Auswahl von Bodenmaterialien. Da ist noch nicht die Rede von Oberflächendesigns, von Material, Farbe, Tradition und Avantgarde.

Egal ob Natursteinböden, Holz, Laminat, Fliesen oder textiler Bodenbelag, es muss „gemetert“ werden mit dem wachsender Bedarf weltweit. Dabei existiert gleichzeitig der Wunsch nach dem Besonderen, Einmaligen, dem individuell Passrechten. Die Notwendigkeit nachhaltiger Herstellung kommt hinzu, wenn nur die Frage gestellt wird, wohin sollen die Quadratkilometer abgetretener grauer Acrylbodenflächen aus den unzähligen Büros verschwinden? „Cradle to Cradle“, die Hoffnungsformel für den geschlossenen Kreislauf vom Rohstoff zum Produkt zum Rohstoff, gerät zur Pflicht. Die Fußbodenmesse Demotex zeigt die Vielfalt des Möglichen bis zum smarten Fußbodenbelag, für dessen Zukunft der Startschuss gegeben ist etwa mit LED-integrierten Läufern oder Böden, die einen Wärmeabdruck durch stürzende Personen weitermelden können.

Wo und wie wollen wir wohnen, was wollen wir unter den Füßen fühlen, soll darauf gesessen oder nur gegangen, gespielt oder auch geschlafen werden? Sitzmöbel verwandeln sich zu Teppichen wie in Patricia Urquiolas „Garden Layers“-Projekt, das auch indoor vorstellbar ist, oder Teppiche rücken „näher an den Körper“ und wachsen vom Boden hinauf und legen sich über Daybetten und Hocker, wie es die Berlinerin Katrin Greiling mit ihrem Experiment „Structures“ in Mailand vorgeführt hat. „Elements“ von Werner Aisslinger ist wiederum ein prominentes Beispiel für den Trend modularer Bodenbeläge, die im Übrigen so wie die guten alten Wandteppiche eben auch vertikal kuschelig, vor allem aber schalldämpfend wirken. Dies ganz besonders im Zusammenspiel mit Sichtbeton und Estrich.
Natur ist ja bekanntlich ein Megatrend in den wachsenden Städten. Holz, Wolle und Pflanzen gehören dazu, aber auch komplexere Erfahrungen wollen wiedererlebt werden: Wie kann man mit einem Teppich das Gefühl wecken, als schlurfe man durch Herbstlaub, haben sich z. B. Sarah Gerner und Johanna Kolb an der Hochschule Hannover gefragt und einen Teppich entworfen, auf dem Korkpailletten beim Betreten hochklappen. Kork ist auch nicht mehr nur der Kompromiss zwischen Dielen und Li-noleum mit einem Hauch von schlechtem Gewissen wegen der Eichen. Wächst die Rinde jetzt schneller? Susana Godinho und Sónia Andrade weben jedenfalls weltweit die ersten Korkteppiche, farbenfrohe Exemplare wie „Beiriz“ und „Arraiolos“. Die beiden Frauen haben in Mozelos, südlich der Stadt Porto dafür ein Startup gegründet und nutzen Bäume aus nachhaltigem Anbau. Traditionelle Materialien, die mit Hochtechnologien veredelt oder Handwerkskünste, die samt ihrer Muster und Strukturen adaptiert und zu alt-neuen Geschichten umgewandelt werden, ermöglichen eine Vielfalt an Böden voller Zauber und sind dabei so elegant minimalistisch wie Jutta Werners „Nomad“. In ihrem Designstudio lässt die Hamburgerin graue Wolle mit silbernem Kettfaden aus recyceltem Bonbonpapier verweben.

Inwiefern vermitteln die Fußböden Identität? Können sie Geschichten erzählen? Kulturelle Begegnungen und die Entdeckung des anderen sind Inspiration für Designer, und dann trifft Geometrie auf Ornament, der Norden auf den Süden und umgekehrt oder vertraute, opulente Muster lösen sich in Pixel auf als trieben Bruchstücke ahnenhafter Informationen durch den Raum. Oder eben: „Lüdenscheid meets New York“. Geburtsort und Arbeitsplatz der deutschen Designerin Alex Proba könnten kaum verschiedener sein. Ihre Erfahrung wird einfach zu zwei Teppichen mit Mustern verknüpft, die ihre jeweils eigene Geschichte zu erzählen scheinen: „The One“ und „The Other“ bestehen aus Himalayawolle und Seide und 152 000 Knoten pro Quadratmeter und sind verwandter als gedacht.

Das Leitthema der kommenden Bodenmesse im Januar 2019 lautet „Create‘n‘Connect“. Vernetzung in allen Lebensbereichen trägt dazu bei, so heißt es im Pressedossier, dass sich Wohnen, Arbeiten und Zusammenleben ständig verändern. Technologie und digitaler Wandel beschleunigen diese Entwicklung. Es geht um neue kulturelle Gewohnheiten, ein Miteinander, das sich auch in der Wohnumwelt ausdrückt.

Pastell- und naturfarbene nahezu monochrome Bodenbeläge als Ruheinseln und Laufstrecken bleiben dabei wohl immer beliebt. Vor allen wenn sie so schlicht skandylike daherkommen wie Margrethe Odgaards Teppich „Ply“ oder die subtilen grafischen Schönheiten des dänischen Labels „Linie Design“.

Anita Wünschmann

 

76 – Herbst 2018